— 13—
Der Typus ſolcher genialer Menſchen iſt Goethe. Er ſelbſt ſchreibt wenige Tage vor ſeinem Ende:„Das beſte Genie iſt das, welches Alles in ſich aufnimmt, ſich Alles anzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundſtimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindeſten Eintrag thue, Lieliehet ſolches noch erſt recht erhebe und durchaus nach Möglichkeit befähige.“—
Hängt nun die ganze Lebensauffaſſung eines Menſchen im letzten Grund von ſeinen religiöſen Anſichten ab, ſo müſſen wir auch darüber noch ein Wort ſprechen. Goethe heißt be⸗ kanntlich der„große Heide“. Das erſchöpft die Sache nicht. Ein Chriſt in dogmatiſch begrenztem Sinn, orthodox, war er ebenſo wenig. Goethe ſtand eben mit den Beſten ſeiner Zeit auf dem Standpunkt der Philoſophie Spinozas, zu der ihn ſeine auf die liebende Durchforſchung des Weltganzen gerichtete Natur gleichſam prädeſtinierte. Wie Einer iſt, ſo iſt ſein Gott. Dieſer milde Pantheismus war die Wurzel ſeiner Pietät gegen alles Geſchaffene, ſeiner Toleranz gegen alle Menſchen außer gegen die intoleranten. Zu dieſer Pietät und Toleranz aber tritt ſein ſittlicher Ernſt im Kampf gegen einen doch recht rebelliſchen natürlichen Menſchen. Spricht er es doch ſelbſt aus, daß dieſe ſittliche That, und nicht das ihm von Gott verliehene Genie ſein Beſtes, ſein Stolz, weil ſein Ureigenſtes ſei in dem Wort:
„Wenn einen Menſchen die Natur erhoben,
Iſt es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt,
Man muß in ihm die Macht des Schöpfers loben, Der ſchwachen Thon zu ſolcher Ehre bringt; Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben Die ſauerſte beſteht, ſich ſelbſt bezwingt,
Dann kann man ihn mit Freuden Andern zeigen Und ſagen: das iſt er, das iſt ſein eigen.“
Nun, Pietät, Toleranz, ſittlicher Ernſt, ſind das die Früchte eines faulen Baumes? Und gilt nicht das Wort: An ihren Früchten ſollt Ihr ſie erkennen? Wer alſo dieſe edelſten Früchte religiöſer Geſinnung nachweisbar in noch reicherem Maße der Menſchheit zu bieten hat als Goethe, der, aber auch nur der, mag ſich verſucht oder berechtigt fühlen, den erſten Stein gegen Goethes Religioſität aufzuheben. Überdies vergeſſen wir nicht, daß Goethe ſelbſt es bekannt hat, daß an die ſittliche Hoheit, die durch das Evangelium leuchtet und ſchimmert, nichts heran⸗ reiche. Vergeſſen wir ferner nicht Goethes ablehnende Haltung dem ſeichten Rationalismus mancher Wortführer der Aufklärung gegenüber! Unſere Zeit freilich denkt anders: In religiöſen wie in politiſchen Fragen haben ſich die Geiſter zur Rechten und zur Linken geſchieden. Soll die Beurteilung Goethes unter dieſer Scheidung der Geiſter, die wir ſchon oben als Signatur unſerer Zeit beklagt haben, leiden?
Noch einen Punkt müſſen wir berühren. Unſere Zeit ſteht unter dem Zeichen unſerer herrlichen Errungenſchaften des großen Krieges. Sie ſind unſer Stolz und ſollen unſer Stolz bleiben. Es iſt alſo begreiflich, daß unſere Zeit zu Goethe auch nach dieſer Seite hin Stellung nimmt. Auch hier, ähnlich wie bei der Beſprechung der religiöſen Stellung des Dichters, lautet die Antwort auf die Frage:„War Goethe ein glühender Patriot?“ glattweg: Nein!— und ebenſo beſtimmt auf die Gegenfrage:„Alſo war er kein guter Deutſcher?“— Ja, doch! Ganz


