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abgeſehen nämlich davon, daß das Jahrhundert Goethes das Weltbürgertum überhaupt über das Staatsbürgertum, das es nicht kannte, ſtellte, ganz abgeſehen ferner davon, daß die Zeit um die Wende des Jahrhunderts nun einmal mit den thatſächlichen Verhältniſſen rechnen und des⸗ halb Napoleons Macht freiwillig oder gezwungen anerkennen mußte— während dieſelbe für uns nur eine traurige Epiſode unſerer Geſchichte iſt— ſollte man doch bedenken, daß gerade Goethe immer wieder darauf hinwies, wie ſich der Reichtum der Schöpfung in der Mannig— faltigkeit ihrer Gaben, alſo auch der Mannigfaltigkeit menſchlicher Typen entfaltet. Wir ſollten ſie alſo alle mit gleicher Dankbarkeit hinnehmen. Man muß nicht alles von einem einzigen Menſchen, und wäre es der genialſte, verlangen. Nehmen wir an, Goethe ſei ein Patriot vom Schlag der Stein und Arndt geweſen: ein Patriot mehr und— ein Goethe weniger! Denn iſt es nicht pſychologiſch undenkbar, daß ſich die erhabene Einſeitigkeit der kampfesfrohen Natur des Patrioten vereinbaren ließe mit jener Gelaſſenheit, welche die Vorausſetzung der ſtillen Aufnahme eines ungetrübten, allſeitigen Weltbildes bildet? Und ein Deutſcher, wenn auch kein Kämpfer, wäre nicht der jugendliche Schwärmer für deutſche Art und Kunſt in Straßburg ge⸗ weſen, der Dichter, der die Lyrik aus ihrem Zauberſchlafe küßte, der Dichter von Hermann und Dorothea und der deutſcheſten Dichtung, des erſten Teiles des Fauſt? Hören wir ihn doch ſelbſt:„— Was heißt denn: ſein Vaterland lieben, und was heißt denn: patriotiſch wirken? Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, ſchädliche Vorurteile zu bekämpfen, engherzige Anſichten zu beſeitigen, den Geiſt ſeines Volkes aufzuklären, deſſen Geſchmack zu reinigen und deſſen Geſinnungs⸗ und Denkweiſe zu veredeln: was ſoll er denn da Beſſeres thun? und wie ſoll er denn da patriotiſch wirken?— Ich haſſe alle Pfuſcherei wie die Sünde, beſonders aber die Pfuſcherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tauſende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.“— Wollte Gott, unſere modernen Weltverbeſſerer, deren Zahl Legion, ließen ſich dies Wort geſagt ſein!
Wir ſtehen am Schluß. Um nun nach dieſer kühnen Fahrt in die weiteſten Weiten zu dem beſcheidenen Kreiſe der Schule zurückzukehren, fragen wir noch: Welches Wort hat Goethe für die Jugend? Kein allzu günſtiges! Laſſen wir ihn wieder ſelbſt ſprechen:„Ich brauche nur in unſerem lieben Weimar zum Fenſter hinauszuſehen, um gewahr zu werden, wie es bei uns ſteht.— Wie ich mich mit ihnen(den Jungen) in ein Geſpräch einlaſſe, habe ich ſogleich zu bemerken, daß ihnen dasjenige, woran unſereiner Freude hat, nichtig und trivial erſcheint, daß ſie ganz in der Idee ſtecken und nur die höchſten Probleme der Spekulation ſie zu inter⸗ eſſieren geeignet ſind. Von geſunden Sinnen und Freude am Sinnlichen iſt bei ihnen keine Spur, alles Jugendgefühl und alle Jugendluſt iſt bei ihnen ausgetrieben, und zwar unwieder⸗ bringlich; denn wenn einer in ſeinem zwanzigſten Jahre nicht jung iſt, wie ſoll er es in ſeinem vierzigſten ſein.“—
Wenn wir uns nun auch zum Troſte ſagen dürfen, daß Goethe hier von den kleinen Weimarern von hundert Jahren herſpricht, ſo bleibt trotzdem an ſeinem Wort auch für uns des Beherzigenswerten genug. Und ganz beſonders wir Erzieher ſollten uns die Gefahr vor Augen halten, die eine allzu theoretiſch engherzige Methode, deren Schablone— einerlei, ob älteren oder neueren Schlags— auf uns laſtet, in ſich birgt. Uns Lehrern alſo, wie uns Allen, Allen gilt noch immer das Wort, das wie eine ſtille Mahnung das ganze Leben dieſes Weltweiſen durchzieht:„Zurück zur Natur— zur Wahrheit!“


