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gerade in dieſen Jahren der Vereinſamung das glänzende Geſtirn Schillers ſeine Bahnen kreuzte. Und nun begann für ihn ein neuer Lebensabſchnitt, der letzte vor dem Alter. Spät erſt fanden ſich beide Geiſter. Als ob das Schickſal es ſo gewollt hätte, daß beide ſich in ihrer Eigenart erſt ausleben ſollten, ehe ſie ohne Schaden für dieſe auf einander wirkten. Wie aber holten ſie das Verſäumte nach! Mit welch' rückhaltloſer Begeiſterung gab ſich Schiller, der größeren Lebhaftigkeit ſeines Naturells folgend, dem Freunde hin, und wie neidlos kam der Olympier dem Rivalen entgegen, der es wagen durfte, ſich an ſeine Seite zu ſtellen! Wäre Goethes und Schillers Briefwechſel uns nichts mehr, als das Zeugnis der gemeinſamen, treuen Arbeit beider genialer Männer, er wäre für unſer Volk, deſſen Fluch nun einmal die Beſſerwiſſerei iſt, ein be⸗ ſchämendes Zeugnis von unendlichem Wert. Und noch eins: An Stelle äſthetiſcher Hyperkritik, die auf den Stelzen irgend einer Kunſttheorie drollig genug einherzuſtolzieren pflegt, welch' ſchlichte, auf rein perſönlichem Eindruck beruhende Hingabe an den beſprochenen Gegenſtand!— Die nächſte Frucht der Freundſchaft war ein friſch fröhlicher, kleiner Krieg gegen die Legion von Talenten und Nichttalenten, die damals den Geſchmack des Publikums irre leiteten. Zahllos hagelten die Pfeile der von beiden Dichtern gemeinſam verfaßten Diſtichen auf die verblüfften Gegner nieder. So wirkte dieſe That wie ein reinigendes Gewitter; jetzt war es reif für ſeinen Goethe und Schiller. Von Goethe brachte uns jene Zeit, wie erwähnt, Hermann und Dorothea.
Den Wert dieſer Dichtung hat Niemand richtiger gewürdigt als Schiller, wenn er ſagt? „Sie werden geſtehen, daß Hermann und Dorothea der Gipfel ſeiner und unſerer ganzen neueren Kunſt iſt. Es iſt unglaublich, mit welcher Leichtigkeit er jetzt die Früchte eines wohl⸗ angewandten Lebens und einer anhaltenden Bildung an ſich ſelber einerntet; wie bedeutend und ſicher jetzt alle ſeine Schritte ſind; wie ihn die Klarheit über ſich ſelbſt und über die Gegenſtände vor jedem eitlen Streben und Herumtappen bewahrt;— wie weit er auch noch kommt, er kann doch nichts Höheres geben.“ Und nicht nur mit dieſer Würdigung der Dichtung, ſondern auch mit der Ahnung, daß Goethe, der Dichter, hier einen gewiſſen Höhepunkt ſeines Wirkens erreicht habe, behielt Schiller Recht. Auf dieſer Höhe hat er ſich nicht behauptet, auch wenn wir von der antikiſierenden Richtung und dem phantaſtiſchen Spiel mit Allegorien, das ſeinen ſpäteren Werken eigen iſt, abſehen. Langſam, langſam nahte das Alter: Mit Schillers Tode beginnt Goethes letzter Lebensabſchnitt. Freilich, welch' ein Alter! Hat doch die Vorſehung dieſen Menſchen auch darin vor Anderen begnadet, daß ſie ihm eine weit über die gewöhnliche Grenze hinausgehende körperliche und geiſtige Friſche verlieh. Am 22. März 1832 endete dies reiche Leben.—
Verehrte Anweſende! Wenn wir Umſchau im Leben halten, ſo laſſen ſich die Männer der Kunſt und Wiſſenſchaft im Großen und Ganzen auf drei Klaſſen zurückführen: Erſtlich die rein rezeptiven Naturen, objektiv ver⸗ anlagte Menſchen, die treuen Hüter der geiſtigen Errungenſchaften der Menſchheit; ihnen ſtehen gegenüber produktivere Naturen, ſubjektiv an⸗ gelegte Menſchen, Talente, oft aber ohne rechtes, poſitives Wiſſen und Wollen. Über jenen poſitiven Geiſtern und über dieſen Talenten jedoch ſtehen die wahrhaft genialen Menſchen, welche die eigentümliche Begabung beider in ſich harmoniſch vereinen: Die Fähigkeit der Aufnahme eines objektiven Weltbildes und der freien, originellen Geſtaltung desſelben.


