Zwieſpältigkeit dieſes Werkes: In den erſten Akten der Triumph des nur in ſeinem Phantaſie⸗ leben ſchwelgenden Dichters über die Miſere des ihn umgebenden Lebens, in den letzten Akten dagegen eine gemäßigte Lebensphiloſophie, die ihren Frieden mit der Welt gemacht, und deren Held und Träger nunmehr Antonio, nicht mehr Taſſo iſt.
Nach zweijährigem Aufenthalt kehrte Goethe nach Weimar zurück; unendlich bereichert an Kenntniſſen und an Lebenserfahrungen, befreit von dem ſeeliſchen Druck, der auf ihm gelaſtet, vor Allem aber im Vollbeſitz einer abſchließenden, verſöhnten Weltanſchauung, wie ſie ihm aus ſeiner vertieften Kunſtanſchauung herausgewachſen war. Mit dieſem Gewinn erreichte Goethe den Höhepunkt ſeiner Entwicklung und mit ihm ſein Jahrhundert jenes Humanitätsideal, das die deutſche Kultur einmal und nicht wieder erreicht hat. Wie hat ſich unſer Jahrhundert dies Ideal erhalten? Blicken wir zurück! Wir Deutſchen haben endlich die Einheit wieder, die politiſche Einheit; das Jahrhundert Goethes hat ſie nicht. Dafür beſaß es jene innere Einheit einer einheitlichen Weltanſchauung der Gebildeten der Nation, die unſerer Zeit verloren gegangen iſt. Wie ſehr alſo haben wir Grund, zu dieſem Goethe'ſchen Humanitätsideal noch immer empor⸗ zublicken mit der ſtillen Hoffnung, daß unſerem Volk mit der politiſchen Einheit auch jenes geiſtige Band wieder geſchenkt werden möge!
Ihren vollendetſten Ausdruck fand Goethes gereifte Kunſtanſchauung in„Iphigenie“ und n„Fauſt“. Hier endlich in„Iphigenie“— denn an„Fauſt“ darf unſere beſcheidene Aufgabe ſich nicht wagen— iſt alles Harmonie; Harmonie nach der äſthetiſchen Seite durch die Ver⸗ ſöhnung der Antike mit dem Deutſchtum, nach der philoſophiſchen Seite durch den überall durch⸗ klingenden Grundton der milden, an Spinoza ſich anlehnenden Lebensphiloſophie des Dichters, nach der ethiſchen Seite durch den Sieg des ſittlichen Willens über Liſt und Leidenſchaft. Doch „Iphigenie“ bedeutet noch mehr und zwar für die Äſthetik. In ihr vollzieht ſich in klaſſiſcher Weiſe ein Umſchwung in der Auffaſſung des Tragiſchen gegenüber der antiken Behandlung dieſes Begriffs. Nicht wie bei Euripides, der den gleichen Stoff behandelt hat, durch den Machtſpruch der Götter, durch ein von außen an den Menſchen herantretendes Schickſal, entſcheidet ſich in „Iphigenie“ und mit ihr der modernen Tragödie überhaupt das Los des Helden, ſondern durch ſeine eigene ſittliche Selbſtbeſtimmung. Pylades ſpricht es aus:
—„Die Götter rächen
Der Väter Miſſethat nicht an dem Sohn, Ein ZJeglicher, gut oder böſe, nimmt
Sich ſeinen Lohn mit ſeiner That hinweg.“
Von dieſer Höhe ſeiner Entwicklung hätten wir von Goethe eine Reihe bedeutendſter poetiſcher Werke erwartet. Dem iſt nicht ſo. Hermann und Dorothea, ſo unvergleichlich ſchön dieſe Dichtung iſt, iſt doch die einzige Dichtung erſten Ranges, die er noch geſchaffen. Dafür verbreitete ſich ſeine Thätigkeit in wachſendem Maße über alle Gebiete menſchlichen Intereſſes, ſodaß von Goethe wie von keinem Andern gilt: Nichts Menſchliches war ihm fremd. Zurück⸗ gezogen, in freiwilligem Verzicht auf einen Teil ſeiner öffentlichen Ämter, der großen Geſellſchaft ſchon durch die eigentümliche Geſtaltung ſeiner häuslichen Verhältniſſe entfremdet, lebte er der Wiſſenſchaft und Kunſt. Nicht er ſuchte die Menſchen, die Menſchen ſuchten ihn auf.— Doch auch der genialſte Menſch bedarf der Anregung durch geiſtig verwandte oder ebenbürtige Naturen. Wer aber reichte an einen Goethe heran? Da nun wollte es eine wunderbare Fügung, daß


