Jahrgang 
1900
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ähnlich eilte er im Jahre 1786 nach Italien. Hier fand er ſich wieder. Hier beginnt der dritte Abſchnitt ſeines Lebens. Dieſe beiden Jahre in Italien nun bedeuten für die deutſche Kultur die Vermählung des deutſchen Geiſtes mit dem klaſſiſchen Altertum, den Anbruch einer zweiten vertieften Renaiſſance.Wiedergeborenes Heldentum, durchglüht von der tiefen Innerlichkeit modernen Gemütslebens mit dieſen Worten hat ein Litterarhiſtoriker die Summe aus dieſen Jahren gezogen. Dieſe Wandlung in Goethes geſamter Kunſtanſchauung, die auch auf ſeine Weltanſchauung geſtaltend einwirkte, hatte ſich aber bereits in den letzten Weimarer Jahren angebahnt: Iphigenie, in ihren Grundzügen bereits in Weimar entworfen und in Italien in ihre plaſtiſch vollendete Form umgegoſſen, bildet ſo gleichſam die Brücke zwiſchen dem jungen Goethe und Goethe als Schüler der Antike. Ein knapper Rückblick auf des Dichters Jugend⸗ werke dürfte deshalb hier am Platze ſein.Götz war das erſte bedeutſame Jugendwerk des Dichters, ganz in dem Boden der Sturm- und Drangperiode wurzelnd. Zwar um den Anſturm gegen die beſtehende Staatsordnung, wie etwa in SchillersRäubern oder die geſellſchaftliche Ordnung, wie inKabale und Liebe, handelte es ſich inGötz zunächſt nicht. Nein, nur ſubjektiv, nur inſoweit Goethe ſelbſt in der Sturm- und Drangperiode ſeines Lebens ſtand und aus ihr heraus ſeinenGötz ſchrieb, reiht ſich dies Werk den Dichtungen dieſer Litteratur⸗ periode an. Aber wenn auch Goethe inGötz nicht an die politiſche und geſellſchaftliche Ordnung ſeiner Zeit rührte, ſo tritt er mit ihm trotzdem in die erſte Reihe der Kämpfer und zwar gegen die überkommenen äſthetiſchen Anſchauungen. Hier zuerſt kam die an Shakeſpeares Kraft und Naturwahrheit ſich nähernde, neue Richtung des Dramas zum Wortt, der Leſſing mit ſeinen Keulenſchlägen die Bahn gebrochen quer durch die fadengraden Pfade, in denen marmorglatt und marmorkalt ſich die franzöſiſche Schablone bewegte, wie die bezopften Damen und Herren durch die zierlichen Alleen von Verſailles. Und zu noch kräftigerem Ausdruck kam die neue Richtung inEgmont. Noch mehr wie inGötz verkörperte ſich inEgmont der realiſtiſche, germaniſche Stil im Gegenſatz zu der überwundenen franzöſiſchen Schablone einerſeits und der ſich an die Antike anlehnenden Richtung der ſpäteren dramatiſchen Werke Goethes anderſeits. Und nun folgtWerther: Dasjenige Werk, das Goethes Namen über die Grenzen ſeines Vaterlandes hinaus in alle Welt trug bis tief nach Aſien, nach China hinein, das Werk, das wie man das nannte ein wahres Wertherfieber erzeugte, ſo ſehr brachte es mit elementarer Wirkung das zum Ausdruck, was damals ganz Jungdeutſchland bewegte. Dieſe Wirkung war keine zufällige. Sagt doch Goethe ſelbſt, daß Jeder einmal im Leben eine Epoche habe, in der ihm der Werther kommt, als ſei er eigens für ihn geſchrieben. Es iſt eben wie Hettner es treffend nenntdas Unendlichkeitsſtreben des Menſchen, das die Schranken des Daſeins durchbricht, ſtatt ſich ihnen in freiwilliger Reſignation zu unterwerfen.

Götz,Egmont,Werther, dies alſo ſind die bedeutſaniſten Jugenddramen; daran reihen ſichIphigenie undTaſſo. Die letztere Dichtung gehört im eminenteſten Sinne zu denjenigen, die er als Selbſtbekenntniſſe genommen haben will. In Italien vollzog ſich, wie wir ſahen, Goethes Wandlung zu gereifter Männlichkeit, in Italien angeſichts der vollendeten Harmonie der antiken Skulptur reifte jenes Ideal der Verſöhnung des Geiſtes mit der Form, der Verſöhnung deutſcher Innerlichkeit mit griechiſcher Maßhaltigkeit und Schönheit. Den Nieder⸗ ſchlag dieſer in Italien zu endgültigem Durchbruch gelangten Stimmung bieten uns die letzten Akte desTaſſo, denn aus den erſten ſpricht zu uns der junge Goethe in Weimar. Daher die