Jahrgang 
1900
Einzelbild herunterladen

8

jene Produkte exkluſiver Kreiſe, ſondern die in der breiten, urwüchſigen Schicht des Volks voll und warm dahinſtrömenden Herzenstöne die wahre Lyrik ſeien. So wie dem Rieſen Antäus durch die Berührung mit der mütterlichen Erde, ſo wuchs auch ihm die Kraft durch die Berührung mit dem Nährboden des Liedes, dem Volkslied. Hier in Goethes Jugendlyrik treten uns überall jene geheimnisvollen Beziehungen zwiſchen Natur und Menſchenherz entgegen, auf denen alle Lyrik beruht. Die ganze tote Natur, wie mit einer Zauberruthe berührt ſie der Dichter und ſpricht zu ihr, als ſchlüge dahinter ein menſchlich fühlendes Herz, in Zeilen wie:

Schon ſtand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgetürmter Rieſe da,

Wo Finſternis aus dem Geſträuche Mit hundert ſchwarzen Augen ſah.

Und umgekehrt, auch die Natur hat dem Menſchen etwas zu geben; ſie tritt bald drohend im Gewitterſturm, bald ſchmeichelnd im Frühlingsſchmuck, bald tröſtend und verſöhnend im Abend⸗ ſchein an ihn heran, indem ſie ihn mahnt:Warte nur, balde ruheſt du auch! So iſt es kein Zufall, daß der Höhepunkt unſerer Lyrik zuſammenfällt mit einem kräftigeren Einſetzen des Naturgefühls. In dieſem Kampf der Natur gegen die Unnatur fand Goethe einen mächtigen Verbündeten in Shakeſpeare. Was das Volkslied unbewußt, das hatte in Shakeſpeare ger⸗ maniſcher Geiſt mit bewußter Kunſt zum Ausdruck gebracht: Natur und Wahrheit. Natur und Wahrheit; damit aber ergab ſich wie von ſelbſt der Anſturm gegen die überkommenen Verhältniſſe. Und in dieſem Kampfe ſtand der junge Goethe nicht allein. Handelte es ſich doch um eine Be⸗ wegung, die unter verſchiedenen Erſcheinungsſymptomen damals durch ganz Europa ging, die in Frankreich in den blutigen politiſchen Kämpfen der Revolution, in Deutſchland dagegen bezeichnender Weiſe in litterariſchen Beſtrebungen und Fehden durchgekämpft wurde. Die überkommene Kultur ging aus den Fugen im Staat, in der Kirche, in der Kunſt anderſeits aber war es dem emporkommenden Geſchlecht noch nicht gelungen, ſeine überſtrömende Gedankenfülle feſt und klar zu geſtalten. Kein Wunder, wenn nur in ſich ſelbſt gefeſtigte Naturen über dieſen Zwieſpalt hinauskamen. Wie viele Talente hat dieſe Sturm⸗ und Drangperiode verſchlungen! Welches Edelmetall aber auch, das wie unſer Goethe und Schiller aus dieſer Glut der Empfindungen geläutert und bewährt hervorging! Den Niederſchlag dieſer Jugendperiode bilden vor Allem ſein Goetz und ſein Werther. Sie machten ihn mit einem Schlag zu einer litterariſchen Größe. Wie ein Wunder ſtaunte nach zeitgenöſſiſchen Berichten die Welt dieſen an Leib und Seele ſo vollkommen ausgeſtatteten Jüngling an. Als Mittel⸗ punkt eines großen Freundeskreiſes unterhielt erder Wanderer ruhelos der Bereicherung ſeiner Welt⸗ und Menſchenkenntnis nachgehend, den regſten Verkehr unter den Gliedern jener ſich immer mehr erweiternden Gelehrtenrepublik, deren unbeſtrittenes Haupt er bis zu ſeinem Tode war. So lenkte denn der junge Goethe auch das Auge des jungen Fürſten Karl Auguſt von Weimar auf ſich. Sie lernten ſich kennen, und dieſe Bekanntſchaft legte den Grund zu einer Freundſchaft, die für Beider Leben von abſchließender Bedeutung war. Mit dem Jahre 1775, der Berufung Goethes nach Weimar, beginnt ein neuer Abſchnitt ſeines Lebens. Das ſchönſte Denkmal ſeiner Dankbarkeit für den reichen Gewinn, den ihm dieſe Verſetzung in einen bedeu⸗