Jahrgang 
1900
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Ich werde verſuchen, ein knappes Bild des Werdegangs Goethes zu geben, indem ich mich der wichtigſten Abſchnitte ſeines Lebens als äußeren Rahmens bediene, in dieſen Rahmen die Beſprechung ſeiner Entwicklung einfüge und ſeine dichteriſchen Werke denn er iſt doch vor Allem unſer Dichter inſoweit berückſichtige, als ſie für dieſe Entwicklung des Dichters charakteriſtiſch und Gemeingut der gebildeten Welt geworden ſind. Ausgeſchloſſen iſt alſo durch die Eigentümlichkeit unſerer Aufgabe ein umfaſſendes Lebensbild, ſowie eine Betrachtung ſeiner ſchriftſtelleriſchen Geſamtthätigkeit.

Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. Auguſt 1749 in Frankfurt geboren. Dort wuchs er auf in dem Behagen eines wohlhabenden Patrizierhauſes und den geruhſamen Ver⸗ hältniſſen einer angeſehenen, deutſchen Reichsſtadt. Hier haben wir ſofort eines der Haupt⸗ momente, die für ſeine Entwicklung maßgebend waren. Denn vergleichen wir die Enge und Ungunſt der Verhältniſſe, durch die ſich z. B. unſer Schiller durchzuarbeiten hatte, ſo ſpringt in die Augen, daß ſolch ein Kampf den natürlichen Nährboden für den dramatiſchen Dichter abgab, während ein Goethe, des Kampfes mit der Not des Augenblicks überhoben, ſich nach allen Seiten frei entfalten, und ſein Leben ſo zu vollkommenſter Harmonie ausleben durfte. Dieſe harmoniſche Geſtaltung ſeines äußeren Lebens kam aber ferner der Aufnahme eines allſeitigen Weltbildes fördernd entgegen, wie nur er es in ſich aufzunehmen und zu geſtalten wußte. Denn was iſt uns Goethe in erſter Linie als gleichſam der Sammelpunkt, der Brenn⸗ punkt, in dem ſich alle Strahlen der vor ihm liegenden Kultur in eins zuſammendrängen, um von ihm aus hinauszuſtrahlen als ſtätes Licht auf die verſchlungenen Pfade der ſich immer mehr komplizierenden Kultur der auf ihn folgenden Zeiten. Nicht nur aber die äußeren Verhältniſſe ſeiner Umgebung waren dem jungen Goethe förderlich, ſondern auch der Geiſt, der von den Eltern auf den Sohn überging. Hat der Sohn doch ſelbſt die Verſchiedenheiten ihres Charakters und damit ihres Einfluſſes auf ihn kurz und bündig in die bekannten Verſe gekleidet:

Vom Vater hab' ich die Statur,

Des Lebens ernſtes Führen.

Von Mütterchen die Frohnatur,

Die Luſt am Fabulieren. Ja; aber wie verſtand ſie das Fabulieren, die geiſt⸗ und humorvolle Frau Rat mit ihrer ſchlichten, herzlichen Art und mit ihrem ſchlichten, ächten Gottvertrauen, ſodaß ein Wieland wohl ſagen durfte, es ſei kein Wunder, daß ſolch' eine Frau einen ſolchen Sohn habe!

Die erſten, für ſeine Entwicklung entſcheidenden Eindrücke nahm Goethe als Student in Straßburg in ſich auf. Hier, wo unter franzöſiſcher Maske deutſche Art noch heimiſch war, ging ihm das Verſtändnis für ſeines Volkes Eigenart auf. Hier, im Angeſicht des ehrwürdigen Münſters blickte er ſtaunend empor zu der Tüchtigkeit unſerer ſchlichten Väter, hier unter der Leitung Herders erwachte in ihm das Verſtändnis für den Urquell aller lyriſchen Dichtung, das Volkslied, hier endlich durch ſeine innigen Beziehungen zu einer deutſchen Familie entfaltete ſich immer reicher jenes lyriſche Talent, durch das auch die letzten, tiefſten Schwingungen menſchlichen Empfindens zu unvergleichlichem Ausdrucke gelangen ſollten. Jetzt, aus ſeinem Studium des Volksliedes, Homers, Shakeſpeares und vor allem aus den Erfahrungen ſeines eigenen, liebenden Herzens heraus erkannte er, daß nicht die in Reifrock und Perrücke dahertrippelnden Reimereien,