— 22—
Augenblick von ihren Sitzen erhob. Es folgte der Vortrag des ergreifenden Liedes„Zum Gedächtnis unſerer Toten“ durch einen dreiſtimmigen Knabenchor.
Mit Worten des Troſtes, die er aus der Leichenrede des Perikles auf die im 1. Jahre des Pelo⸗ ponneſiſchen Krieges gefallenen atheniſchen Helden herholte, und mit dem Hinweiſe darauf, daß wie Athen auch Worms durch die Förderung der kulturellen Güter ſeine Söhne zu einer zu den höchſten Opfern bereiten Liebe zur Heimat entflammt habe, ging der Unterzeichnete dann zu ſeiner Feſtrede über.
Mit wenigen Strichen zeichnete er den äußeren und inneren Werdegang des Wormſer Gymnaſiums: Nachdem die aus der Verbindung von Humanismus und Reformation hervorgegangene reichsſtädtiſche Lateinſchule mit ihrer Verlegung in die Konventſtube des Barfüßerkloſters an der Petersgaſſe am 27. Feb⸗ ruar 1527 in das Licht der Geſchichte getreten war, hat ſie im Verlauf ihrer 400⸗jährigen Geſchichte in 7 Schulhäuſern Unterkunft gefunden. Sie hat 5 Schulherren gedient, dem Rat der freien Reichsſtadt Worms, der franzöſiſchen Regierung, einer proviſoriſchen Adminiſtration, dem Großherzogtum Heſſen und dem Volksſtaate Heſſen. Urſprünglich eine rein lutheriſche Schule, wurde ſie durch die franzöſiſche Re⸗ gierung 1803 mit dem katholiſchen fürſtbiſchöflichen Seminarium zu einer école secondaire, nach 1816 dann ein heſſiſches Gymnaſium, ein Progymnaſium, wieder ein Gymnaſium, ein durch Realklaſſen erwei⸗ tertes und endlich wieder ein reines humaniſtiſches Gymnaſium. In dieſem ſtändigen Wechſel, dem das Wormſer Gymnaſium wie wenige deutſche Schulen ſonſt unterworfen war, blieb zweierlei unverändert: das humaniſtiſche Bildungsideal und die treue Fürſorge der Stadt für ihre Lateinſchule, die auch in den Zeiten ſchwerſter wirtſchaftlicher und finanzieller Not, während des 30⸗jährigen Krieges, nach dem Stadt⸗ brande, in der franzöſiſchen Zeit und in der ſchweren Zeit nach dem Weltkriege, nicht nachgelaſſen hat. Daraus ſchöpfte der Redner die Hoffnung, daß das humaniſtiſche Gymnaſium unſerer Stadt auch fer⸗ nerhin erhalten bleibe. Denn bei aller Anerkennung der Notwendigkeit, in der Zeit der Technik und des Welthandels die Realien im Unterricht ſtärker zu betonen, ſei doch gerade in unſerer Zeit mehr als je die Pflege des humaniſtiſchen Bildungsideals unentbehrlich. Beruhe doch der kulturelle Fortſchritt auf der Geſchichte, in dieſe aber könne man Einblick gewinnen nur durch die Sprachen, durch die Verſenkung in die an Bildungswerten reichen Geiſtesprodukte aller Zeiten, einſchließlich der Antike, auf der unſere abend⸗ ländiſche Kultur beruhe. So blieben auch die alten Sprachen, weil wirkſam, lebendig, ſie lebten aber auch äußerlich fort in der Terminologie unſerer Wiſſenſchaften und in der unendlichen Fülle von ihnen entlehnten Bezeichnungen kultureller Begriffe. Das Studium der alten Schriftſteller gebe aber auch den jungen Menſchen die Möglichkeit, aus dem Kampf der Meinungen der Gegenwart, der es uns faſt un⸗ möglich mache, zu einer objektiven Wahrheit durchzudringen und uns auf die Fragen der Zeit ſachlich einzuſtellen, ſich auf einen neutralen Boden zu flüchten, in eine abgeſchloſſen vor ihnen liegende und ihnen ſo ein objektives Urteil ermöglichende Welt, die einſt von den gleichen Kämpfen erfüllt geweſen ſei wie die unſrige und aus einfacheren und durchſichtigeren Verhältniſſen alle die Begriffe abgeleitet habe, mit denen die Welt heute ſo oft als mit unverſtandenen Schlagwörtern arbeite. Es müſſe alſo eine Bildungs⸗ möglichkeit bleiben, die, fußend auf der Erziehung zu ſachlich⸗logiſchem Denken, den jungen Menſchen in die Lage verſetze, ſich auf alle Fragen des Lebens objektiv, ſachlich einzuſtellen. So erſt lernten die Menſchen, die jetzt aneinander vorbeiredeten und ⸗dächten, einander verſtehen, das erſt bilde die Vorausſetzung für die von allen ſo ſehr erſtrebte, aber leider weiter denn je entfernte Volksgemeinſchaft, die nur entſtehen könne auf dem Boden gegenſeitigen Verſtändniſſes, gegenſeitiger Achtung und Duldung. Nicht tot ſei alſo die Antike, nein, ſie lebe, da ſie wirke, und nicht veraltet ſei das humaniſtiſche Gymnaſium, ſondern es ſei zeitgemäßer denn je, wenn es in Anpaſſung an die kulturellen Forderungen der Zeit die Bil⸗ dungswerte der Antike für die Gegenwart wahrhaft nutzbar zu machen verſtehe. Dieſe Uberzeugung be⸗ rechtige zu der zuverſichtlichen Hoffnung, daß die humaniſtiſchen Gymnaſien immerdar ein Typ im Rahmen des deutſchen Bildungsweſens bleiben werden, und in dieſem Sinne wünſche er dem Wormſer Gymnaſium, daß es weiter blühen und wirken möge zum Segen der Stadt Worms und des geſamten deutſchen Volkes.
Nach der Feſtrede ergriff Herr Miniſterialdirektor Urſtadt das Wort, um der Jubelanſtalt die Grüße und Glückwünſche der Heſſ. Regierung und insbeſondere des Herrn Staatspräſidenten Ullrich zu übermitteln, der zu ſeinem Bedauern am Erſcheinen zu dem Feſte verhindert ſei. Er ſagte, das Wormſer Gymnaſium habe in ſeiner wechſelvollen Entwicklung ſtets feſtgehalten an dem Kern des deutſchen humaniſtiſchen Gym⸗ naſiums, der Verbindung antiker Form und antiken Denkens mit dem deutſchen Gefühl und der deutſchen Innerlichkeit. Kein Boden ſei hierfür geeigneter als der der Stadt Worms, der alten Römerſtadt, der


