Böhmer mit den Clubiſten in Gefangenſchaft 1793. 281
that wenig, gab ſelten Audienz und wartete gern den Damen auf.“ Unter den Frauen im Ver⸗ kehre mit Cüſtine, Böhmer und Dorſch waren von hervorragendem Einfluſſe Frau Dr. Daniels geb. Zittier, Geliebte des Generals Cüſtine, dann Käthchen, die Frau des Dorſch, die allein die kurfürſtlichen Equipagen gebrauchte, und Böhmers Schwägerin, die ſchöne und geiſtreiche Wittwe des Bergmedicus Dr. Böhmer aus Clausthal, die in der Litteraturgeſchichte bekannte Karoline Böhmer, Tochter des Prof. Michaelis in Göttingen, die ſpäter Auguſt Wilhelm v. Schlegel und nach der Scheidung von dieſem den Philoſophen Schelling heirathete.„An dieſes Kleeblatt mußte ſich wenden, wer irgend etwas im Mainzer Staate erhalten wollte.“(Geſch. der franz. Erob., I, S. 231.) Böhmers Schwägerin Karoline übte durch ihren Geiſt und ihre außerordentliche Anziehungskraft auf die Kreiſe der Freiheitsfreunde einen ſehr bedeutenden Einfluß aus. Die Beziehungen dieſer dämoniſchen Frau zu Georg Forſter und andren hervorragenden Clubiſten gab Auguſt Heſſe den Stoff zu ſeinem hiſtoriſchen Roman:„Dame Lucifer“(Köln. Zeitung, 1878, Mai— Juli, Wochenausgabe, Nr. 22—28). Für das Verhältniß Karolinens zu ihrem Schwager iſt von Intereſſe, was ſie am 27. October 1792 in einem von Georg Waitz veröffent⸗ lichten Briefe ſchreibt:„Ein Werkzeug Cüſtine's iſt mein Schwager Georg Böhmer, der ſeine Profeſſur in Worms aufgegeben hat und ſo was von Secretär bei Cüſtine iſt. Mir ſank das Herz, wie ich den Menſchen ſah— oh weh!— wollt und könnt Ihr den brauchen? Die ſich bei ſolchen Gelegenheiten vordrängen, ſind nie die beſten.“
Die Herrlichkeit der Mainzer Freiheitshelden geht bald zu Ende. Am 26. und 27. März 1793 geht die Armee des Königs Friedrich Wilhelm Il. von Preußen bei Bacherach über den Rhein, Mainz wird blokirt, am 31. März verlaſſen die Franzoſen Worms, am Nachmittag des 4. April zieht der König von Preußen in Worms ein, alle Glocken läuten zu ſeinem Empfang, die Herzen ſchlagen dem Befreier entgegen. Gleichzeitig mit Worms wird Speier befreit und der dortige Stadtrath wieder eingeſetzt. Die Franzoſen werden auch von der Nahe und Queich ver⸗ trieben. Am 22. Juli wird Mainz den Deutſchen übergeben. Cüſtine wird am 31. Auguſt 1793 hingerichtet, weil er die Städte Frankfurt, Mainz, Condé und Valenciennes in die Gewalt der Feinde hatte fallen laſſen. Houchard war an die Stelle Cüſtine's getreten. Nach der Einnahme der Stadt Mainz durch die Deutſchen wurden am 25. Juli 1793 41 Clubiſten durch ſächſiſche Dragoner gefänglich eingezogen und nach Coblenz transportirt. Unter dieſen war auch Georg Wil⸗ helm Böhmer. Seine Schwägerin Karoline kam in die Gefangenſchaft nach Königſtein und dann nach Cronberg. So hatte Böhmer'’s abenteuerliches und ſchmachbeladenes Glück ein ſchnelles Ende genommen. Was aus ihm geworden, wo und wie er endete, iſt uns nicht bekannt. Nach einer Notiz des Revolutionsalmanachs vom Jahre 1797(S. 210) ſchrieb er im Jahre 1796 in Paris mit Geſinnungsgenoſſen den Pariſer Zuſchauer. Noch einmal wendet er ſich an den Rath' zu Worms, dem er bei Cüſtine gelegentlich der Verminderung der Kriegscontribution im Herbſte⸗ 1792 nützlich geweſen war und von dem er deshalb Entgegenkommen erwarten konnte. Er hatte die Kühnheit, im October 1793 an den Magiſtrat der Stadt Worms die Bitte um eine ehrenvolle Entlaſſung aus ſeinem Dienſte zu richten. Der Rath gewährte die Bitte.
Allein ſchon am 6. Auguſt 1793 war die durch den Abgang des Conrectors Böhmer erledigte Stelle auf des Rectors Sohn Friedrich Auguſt Herwig übertragen worden. Dieſer dankte dem Rath dafür,„daß man dem alten, hülfsbedürftigen Vater ſeinen Sohn zur Unterſtützung zuweiſe.“ So waren, als 1798 Worms franzöſiſch geworden, die letzten Lehrer des ſtädtiſchen Gymnaſiums: Rector Herwig sen., Conrector Herwig jun., Magiſter Dackermann und Cantor Linſe. Nach dem Inhalt eines Schreibens des Maire Strauß vom 23. Oct. 1802 hatte das Gymnaſium damals
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