280 Dr. Böhmer pflanzt Freiheitsbäume am Rhein und ſtiftet Revolutionsclubs.
zu erhalten. Deßungeachtet wurde am 11. Nov. 1792 Nachts 12 Uhr der Baum der Freiheit mit vielen Solennitäten an demſelben Orte gepflanzt, von wo herunter ehemals Diener des Prieſter⸗ fürſten von Worms dem Volke dieſer Stadt alljährlich ſeine von ihm ernannten Despoten herab⸗ verkündigt hatten. Dr. Böhmer hielt unter dieſem Baume in der Mitternachtsſtunde eine Anrede⸗ an ſeine ehemaligen Mitbürger, in welcher er dieſe im Angeſichte des Himmels und einer zahl⸗ loſen Menge fränkiſcher Zuſchauer beſchwor, ſich ja nie in eine Capitulation einzulaſſen und einander künftig ohne Rückſicht auf Geburt und Religion ſtatt des bisherigen Haſſes als Brüder zu lieben. Es bildete ſich noch an dem nämlichen Tage— am 12. Nov. Morgens halb 10 Uhr— in dieſer Stadt eine Geſellſchaft der Freiheit und Gleichheit, deren erſte öffentliche Verſammlung im ſchönſten Saale des Schloſſes, demſelben, wo noch vor weniger als einem Jahre der ehemalige Prinz Condé geſpeiſt hatte, gehalten wurde. Die Bürger Dorſch und Böhmer hielten die erſten öffentlichen Reden in dieſer Geſellſchaft. Auch wurde an demſelben Tage in dieſem Saale ein rothes und ein ſchwarzes Buch, jenes für die Freien, dieſes für die Sclaven aufgelegt.“ ꝛc. — Remling erzählt, Conrad von Winkelmann, Stiftsherr zu St. Martin in Worms, habe ſich an demſelben Tage als Mitglied jener Geſellſchaft eingeſchrieben und ſei deshalb am 19. Nov. 1792 von Cüſtine zum Haupte der Stadt, zum Maire, ernannt worden; allein ſchon im Januar 1793 habe v. Winkelmann klug und in edler Abſicht das Wormſer rothe Buch bei Seite geſchafft, um den Club zu zerſtreuen und zu verhindern, daß mancher wegen eines unüberlegten Federzuges⸗ in Verdrießlichkeiten käme.(Kemling, a. a. O. I. 97.)
An der Spitze der beſonders auf Böhmers Betreiben von Cüſtine in Mainz eingeſetzten Verwaltung ſtand Bürger Dorſch, ein ehemaliger Profeſſor der Theologie zu Mainz, der früher⸗ in Folge von Streitigkeiten mit ſeinen Vorgeſetzten nach Straßburg entwichen war, ſich mit Käthe, ſeiner Haushälterin, verheirathet hatte, und von den dortigen Jacobinern wieder nach Mainz geſchict worden war, um hier für die neue Freiheit zu wirken. Dorſch wurde von Cüſtine zum Präſidenten der für die occupirten Gebiete vonz Mainz, Worms, Speyer ꝛc. franzöſiſchen beſtellten Admini⸗ ſtration ernannt, welcher alle andren Behörden untergeordnet waren. Auch die geiſtliche Ver⸗ waltung ſollte die Verordnungen dieſer Adminiſtration befolgen. Allein dennoch war Dorſch's Adminiſtration, erzählen Klein und Remling, nicht die höchſte Behörde des Landes. Denn Eüſtine hatte angeordnet, daß ihren Verfügungen nur alsdann Folge zu leiſten ſei, wenn dieſelben durch den General genehmigt und mit dem Siegel der Republik bekräftigt wären.„Cüſtine aber hatte weder Sinn noch Zeit, ſich dieſen Verwaltungsarbeiten zu unterziehen. Er überließ ſie daher größtentheils ſeinem Secretär Böhmer. Dieſer legte aber wiederum ſeinem Herrn nur das vor, was ihm beliebte, ſo daß eigentlich Böhmer am Rhein regierte.*) Unter Böhmer ſtand ſohin auch Dorſch. Dorſch liebte es aber, ſelbſtſtändig zu gebieten, und da alle Eingaben zunächſt an ihn gerichtet werden mußten, entſchied er Vieles, ohne daß es zuvor dem General oder deſſen einflußreichem Geheimſchreiber vorgelegt und von jenem genehmigt war. Dorſch nahm ſeine Wohnung im kurfürſtlichen Schloſſe und räumte ſeiner ehemaligen Haushälterin nicht wenig Ein⸗ fluß auf die Verwaltung ein. Klein erzählt:„Daß Dorſch, ein verheiratheter katholiſcher Geiſt⸗ licher, als höchſte Behörde— gleichſam an die Stelle des Kurfürſten— geſetzt wurde, ſahen die Bürger in Mainz als Hohn an, den der lutheriſche Böhmer gegen die alte Regierung übte.“„Dorſch⸗
*) Als Beweis für die eigenmächtige und tyranniſche Weiſe, mit der Böhmer regierte, erzählt Klein a. a. O., S. 248 Anm., folgenden Vorfall:„Als der Schultheiß von Laubenheim die Erlaubniß zu einer Muſik nicht gab und deshalb die Bauern bei Böhmer klagten, ſchrieb Böhmer lakoniſch:„Schultheiß von Laubenheim! Deinen Kopf oder Muſik!“


