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VI. Am Schluſſe des Sommer⸗Semeſters.
Verehrteſte Mitlehrer, geliebte Jugend! Nachdem die Hälfte von dem laufenden Schuljahre zu Ende gekommen iſt, werden wir ſowohl durch eine höhere Vorſchrift als auch durch unſer beſſeres Gefühl aufgefordert, mit und vor Gott einen prüfenden Rückblick auf den bereits zurückgelegten Weg zu werfen.
1.
O Gott! einen ſehr ehrwüͤrdigen und wichtigen Beruf haſt du uns Lehrern angewieſen. Wir ſollen auf die höchſten Güter der Menſchheit, auf die geiſtige Erleuchtung und Frömmigkeit der Jugend einwirken, welche dereinſt Führer und Rathgeber ihrer Mitbrüder werden ſollen; wir ſollen den Geiſt dieſer Jugend vom ſinnlichen zum Ueberſinnlichen erheben, von der Erde zu einer höheren Welt; wir ſollen ihr Herz zu gewinnen ſuchen für alles Rechte, Gute und Edle, es gewöhnen und begeiſtern zu treuer Pflichterfüllung in der Schule ſowie dereinſt im practiſchen Berufsleben; wir ſollen nicht nur Lehrer ſondern auch Erzieher, Leiter, Freunde und tröſtende Beiſtände der uns an⸗ vertrauten Jugend ſein.
Wie groß iſt deine Güte, o Gott, daß du mich eines ſo wichtigen und heiligen Berufes ge⸗ würdigt haſt. O daß die Wichtigkeit desſelben ſtets und alle Zeit mir recht vorſchwebe, mich mit Ernſt und Liebe, mit Pflichttreue und Begeiſterung dafür immer erfülle, damit ich nicht als Mieth⸗ ling ſondern mit Liebe in deinem Weinberge arbeite und das große Werk zu fördern bemüht ſei, an welches du mich hingeſtellt haſt.— Und ſo will ich auch dieſe Zeit der Ruhe nicht unbenützt hingehen laſſen, um meine Einſichten zu vermehren, um über die Mängel und Fehler nachzudenken, welche ich mir in der erſten Hälfte dieſes Schuljahres habe zu Schulden kommen laſſen, um mit erneuter Kraft und tieferer Einſicht an dem großen Werke, wozu du mich berufen haſt, wieder fort⸗ arbeiten zu können, nicht nur durch Worte, ſondern auch durch jede meiner Handlungen und durch Beiſpiele. Du wirſt mir dabei deinen Beiſtand und deinen Segen nicht verſagen und den guten Geiſt verleihen, der mich, alle Mitarbeiter und die uns anvertraute Jugend in Wahrheit ſowie in Liebe leite! . 2.
Geliebte Jugend! Am Schluſſe dieſes Semeſters habt Ihr Gott zu danken für alle Wohl⸗ thaten, welche er Euch in Eurem ganzen Leben und ſo auch in dieſem Halbjahre hat angedeihen laſſen. Ihr habt dabei eine treuliche Gewiſſens⸗Erforſchung anzuſtellen, ob Ihr die Euch von Eltern, Lehrern und andren Wohlthätern dargebotenen Mittel zu Vervollkommnung Eures Verſtandes und Herzens redlich benützt habet, ob Ihr nicht nur reicher an Kenntniſſen ſondern auch an guten und gefälligen Sitten geworden ſeid, oder ob Ihr auf dem Wege zu Eurem ſchönen Ziele ſtille geſtanden oder gar zurück gegangen ſeid, indem Ihr dem Zuge der Trägheit und der Stimme der Verführung in und außer der Schule Gehör ſchenktet. O kehret zurück, Ihr Verirrten und Verführten, kehret Ihr verlorene Söhne zum barmherzigen himmliſchen Vater und höret auf die Stimmen derer, die ſeine Wege und Worte Euch verkünden. Jetzt iſt es noch Zeit! Die Zeit der Ruhe iſt beſonders geeignet, über ſeine Fehler nachzudenken, ſie zu erkennen, davon abzuſtehen, Verſäumtes nachzuholen, überhaupt gute Vorſätze zu faſſen und auszuführen.— Euch Verirrten und hinter den gerechten Forderungen Zuruückgebliebenen rufe ich ſchließlich den Anfang eines alten lateiniſchen Ferien⸗Liedes zu:
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