Jahrgang 
1858
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diger des Evangeliums der Liebe in allen Dingen die Liebe empfohlen habe, ſo empfehle ich auch Dir, dem künftigen Lehrer der Humanitätswiſſenſchaft, in allem Thun und Laſſen die Ausübung der mit der Liebe verwandteſten Tugend, der Humanität, ſelbſt da, wo Du der Inhumanität begegnen ſollteſt. Die Lehre des Sokrates und des Plato, die Lehre des Cicero und Seneca ſtimmt hierin überein mit dem Evangelium der Liebe. In der griechiſchen und lateiniſchen Literatur liegt ein großer Culturſchatz, an dem ſchon mehr als ein ſiechendes und ſterbendes Jahrhundert ſich erholt hat, und die neueſte Geſchichte hat wiederum bewieſen, daß jener Culturſchatz nicht ſo bald entbehrlich werden wird. Aber ſelbſt die ehrwürdigſten Männer des claſſiſchen Alterthums, ein So⸗ krates, ein Plato, ein Seneca u. a., haben zwar allerdings eine allen Anſprüchen der menſchlichen Seele entſprechende Heilslehre, eine medicina animae, auf eignen Füßen in bewundernswürdiger Weiſe erſtrebt, aber nicht ganz erreicht! Den Beweis liefert die Weltgeſchichte. Drum wolle Du als künftiger Lehrer der griechiſchen und lateiniſchen Cultur aus Deinen Dir einſt anvertrauten Schülern keine Athener oder Spartaner, keine heidniſchen Römer bilden. Dein Hauptziel ſei: außer der logiſchen Bildung des Verſtandes mit griechiſcher Schönheit und römiſcher Kraft die vom Evangelium der Liebe gepredigte Heilslehre zu bereichern, zu verklären und wiſſenſchaftlich zu befeſtigen.

So geht denn hin, Ihr beiden Jünglinge, in Gottes Namen! So wie Ihr hier vereint ſtehet, ſo lernt und übt auch mit vereinter Kraft, wenn auch in verſchiedenen und von einander fernſtehen⸗ den Kreiſen, Liebe und Humanität. Gott und alle guten Geiſter ſeien und bleiben bei Euch!

v. Bei dem Schluſſe der Schulfeier.

Verehrteſte Anweſende! Wir ſind nun mit unſerer dießjährigen öffentlichen Schulprüfung zu Ende! Wir erwarten nun von den billigdenkenden Zuhörern ihr Urtheil über den dießjährigen Beſtand unſerer Schulanſtalt.

Wir gehen dieſem Urtheile vertrauend auf Billigkeit entgegen, obwohl wir dem ſtrengen Beur⸗ theiler nicht alle Umſtände und Verhältniſſe darlegen können, welchen bei einem ſolchen Urtheilsſpruch Rechnung zu tragen wäre. Wir müſſen uns beſchränken, nur darauf hinzuweiſen, was deßhalb im dießjährigen Programme veröffentlicht worden iſt: daß unter anderem die Schülerzahl über⸗ haupt und insbeſondere die der auswärtigen und ausländiſchen in dieſem Jahr ſo groß war, als je in irgend einem Jahre; daß die Geſundheit bei Lehrern wie Schulern befriedigend war, und daß das moraliſche Betragen der Schüler im Ganzen keine außer⸗ ordentliche Strafe und Unterſuchungen veranlaßte. Für dieſe und andere Gnaden des Himmels müßten wir am Schluſſe des Jahres dem Allerhöchſten scholarum stator et conservator unſern innig- ſten Dank ausſprechen, wenn wir auch nicht durch eine beſondere Verordnung darauf hingewieſen wären.-

Zu dir, Allgütiger, erheben wir daher dankbar zum Schluſſe unſere Hände und beten:

O Herr, auch die Prüfung dieſes Schuljahrs haben wir mit deiner Hülfe vollendet, nachdem du uns während des Jahres unzählige Wohlthaten erwieſen und unzählige Gefahren abgewendet haſt. Ob wir alle dieſe Prüfung vor deinem Auge beſtanden, das weißt nur du, ſtrenger Rich⸗ ter, welcher allein die Herzen und Nieren zu durchforſchen verſteht. Aber du biſt auch gnädig. Ver⸗ gib uns unſere Schulden, wie auch wir vergeben unſern Schuldigern. Nimm Lehrer, wie Schüler dieſer Anſtalt auch während dieſer kurzen Ruhezeit in deinen gnädigen Schutz, auf daß wir, an Leib und Seele geſtärkt, deſto rüſtiger wieder arbeiten in deinem Weinberge, o Herr!