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Euch hiermit vor dieſer hochanſehnlichen Verſammlung und in dieſem feierlichen Augenblicke, in welchem Ihr von uns ſcheidet, körperlich ſcheidet, hoffentlich aber nicht im Geiſte!— Ich und alle Eure Herrn Lehrer wünſchen Euch Glück zur rühmlichen Vollendung dieſes erſten Hauptganges auf der Bahn Eures wiſſenſchaftlichen Berufes, und wir hoffen, daß Ihr auch die übrigen Gänge ebenſo rühmlich vollendet, zur Freude Eurer Eltern und Lehrer, zu Eurem Glücke und zu dem der Menſch⸗ heit, zur Verherrlichung Gottes und des göttlichen Reiches!
Verehrteſte Anweſende! Ihnen iſt Schiller's Kernſpruch bekannt:
„Millionen ſorgen dafür, daß die Gattung beſtebe,
Aber durch Wenige nur pflanzet die Menſchheit ſich fort⸗. Derum wird in einer Zeit, in welcher der raffinierte Verſtand für die glücklichſte Weisheit gilt, in welcher die Meiſten nur an ihr Ich denken und nur ihrem Ich dienen, in ſolcher Zeit ſag' ich, wird es gewiß für Sie, verehrteſte Anweſende, ein ebenſo ſeltener wie erhebender Anblick ſein, hier zwei Jünglinge ſtehen zu ſehen, welche ſchon nach vieljähriger Vorbereitung in unſerer Lehranſtalt an dem Punkt ſtehen, ſich nun einem ſpeciellen Berufe, dem Lehramte, zu widmen: der eine dem geiſtlichen, der andere dem Gymnaſial⸗Lehramte, der eine der Theologie, der andere der Philologie!
Groß und unermeßlich iſt das Gebiet der Gottesgelehrtheit als Wiſſenſchaft; ebenſo außer⸗ ordentlich groß iſt die de Humanitätswiſſenſchaft oder der claſſiſchen Philologie und um⸗ faſſet ſo viele und weite einzele Felder oder Disciplinen, daß eins derſelben ſchon ein thätiges Menſchen⸗ leben beſchäftigen kann.*) Schwieriger noch, als die theoretiſche Aneignung dieſer beiden Wiſſen⸗ ſchaften(der Theologie und der claſſiſchen Philologie), iſt die praktiſche Ausübung derſelben, wenn man ſelbſt darin glücklich ſein und Anderen zum Glück und Heil dienen will.— Dir, mein lieber Damm, als künftigem Theologen, deßhalb noch Winke mitzugeben, unterfange ich mich nicht; nur einen Wunſch ſprechen wir Dir aus: bei allem Eifer im Predigen des Evangeliums der Liebe übe ſelbſt immer die Liebe, praktiſch wenigſtens, im Sinne des eben ſo heiligen als wiſſenſchaftlichen hl. Auguſtinus: in omnibus caritas!— Dir, lieber Feuling, als künf⸗ tigem Philologen, möchte ich wohl bei unſerem Scheiden noch einige Lehren mit auf den Weg geben, da ich ſelbſt dem Studium dieſer Wiſſenſchaft und dem pädagogiſchen Unterrichte mich gewidmet habe.
Die claſſiſche Philologie iſt keine bloße Sprachwiſſenſchaft, keine bloße Linguiſtik. Der wahre claſſiſche Philolog ſteht, nach Schelling, mit dem Künſtler wie mit dem Philoſophen auf einer Linie und begreift noch Etwas außer Kunſt und Philoſophie, einen ewigen, weil wiſſenſchaft⸗ lichen, moraliſchen Kern. Als praktiſcher oder pädagogiſcher Philolog hüte Dich aber, Künſtler oder Philoſoph ſein zu wollen, wenn Du erleuchten und erwärmen, nicht verwirren und verſengen willſt.— Die claſſiſche Philologie hat den Ruf der Gründlichkeit, und ſeit ihrem Auferſtehen datiert ſich auch das Wiederaufleben der Gründlichkeit oder die ſogenannte Reſtauration in allen Wiſſenſchaften, ſowie in den modernen Sprachen. Aber hüte Dich, in der pädagogiſchen Prarxis die claſſiſche Gründlichkeit ſo weit zu treiben, daß, wie ehemals, bei den Wörtern Griechiſch und Latein die Mütter aller Söhne erſchrecken und erblaſſen. Wie ich vorhin dem künftigen Pre⸗
*) Die claſſiſche Philologie umfaßt erſtlich: drei over vier vorbereitende oder formale Disciplinen: Grammatik der beiden antiken Sprachen, Hermeneutik, Kritik und die Kunſt der Compoſition (Stpyl); zweitens: Haupt⸗ oder materiale Doctrinen: von beiden Nationen Geographie, Geſchichte, Chronologie, Antiquitäten, Mythologie, Archäologie oder Geſchichte der Kunſt, Numismatik und Epigraphik, endlich Geſchichte der Philologie.


