Jahrgang 
1858
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Instat, sodales, iusta remissio! Segnes recedant. Corda pigritiac Ignara tantum laetiore Fronte dies celebrate gratos!

Nam vestra claris fulget honoribus Virtus, repulsae nescia sordidae: At desides qui traxit horas, Dedecus hunc premit atque moeror.

Insigne tempus, iudicii diem Nobis adumbrans! Pro meritis ubi Gaudebit olim, qui labore Imposito sibi rite functus.

Deutſch:Mitſchüler! Die ſo nothwendige Erholungszeit iſt da! Aber nicht für Euch, Ihr Faulen! Nur Ihr Seelen, die Ihr fern von der Trägheit waret, nur Ihr dürfet mit etwas hei⸗ tererer Stirne dieſe ſchöne Tage feiern. Denn Eure Tüchtigkeit iſt umſtrahlt von Ruhm und Chre und ſie fühlt keine ſchmählige Zurückſetzung; aber der welcher die Stunden in Trägheit vertändelt hat, den drückt Unehre und Trauer nieder. Herrliche Ferienzeit, für uns ein Bild vom Tage des göttlichen Gerichts, wo nach Verdienſten mit Freuden der belohnt wird, wer ſeine Aufgabe gehörig gemacht hat!

Aber auch Euch Schüler, denen das Gewiſſen am Schluſſe dieſes Halbjahres keine beſondere Vorwürfe macht, muß ich eine Mahnung mitgeben. Wie ich ſchon öfter Euch bemerkte, ſo iſt die Ferienzeit keine Zeit, die bloß für Zerſtreuung und Nichtsthun beſtimmt ſein ſoll! Diejenigen von Euch, welche Latein gelernt haben, dieſe wenigſtens müſſen es wiſſen, daß feriae ſo viel wie dies festi bedeutet. Der ordentliche gemeine Mann weiß aber ſchon, daß Feſttage keine bloße Zerſtreu⸗ ungs⸗ und Pläſir⸗Tage ſind, ſondern daß ſie vorzugsweiſe zur geiſtigen Erbauung und Belehrung da ſind. Jeder ſtudierende, d. h. zu Deutſch: jeder mit Luſt und Liebe ſeinen Geiſt ausbildende Jüngling, welcher einen einzigen Tag nur ſein kann, ohne ſeinen Geiſt mit Gutem und Schönem zu bereichern, ohne ſeine bisherigen Vorſtellungen zu berichtigen, ohne ſeinen geiſtigen Geſichtskreis zu erweitern, ohne an Gott und göttliche Dinge zu denken, ohne, wie Horaz ſich ausdrückt, Etwas zu leſen oder zu producieren, was ſein Inneres beglückt: ein ſolcher Juüͤngling darf ſich eher alles als einen ſtudierenden nennen, ſelbſt wenn er während des Lehrcurſus im Fleiße ſeine Lehrer ſo ziemlich zu befriedigen verſtanden hat. Für einen ſolchen waͤren die feriae keine dies festi,(Feſt⸗ tage) ſondern feriae esuriales, wie Plautus ſcherzweiſe die Faſten⸗ oder Hungerzeit nennt. Ihr wiſſet wohl, was für ein Ende der von Euch nehmen würde, welcher die ganzen vier Wochen Ferien hindurch ohne alle leibliche Nahrung bleiben ſollte. Davon könnet Ihr abnehmen, wie es bei dem ausſehen würde, der vier Wochen ohne geiſtige Nahrung bliebe. 1

3. Auch ein Wort noch an Euch, die Ihr im Begriffe ſtehet nach vollendetem Gymnaſial⸗Curſus unſere Lehranſtalt zu verlaſſen und zur Univerſität abzugehen gedenket. Auf daß Ihr auf Eurer

weiteren Fahrt zum Heiligthum der Wiſſenſchaft keinen Schiffbruch leidet, auf daß Ihr weder einer Licht und Wahrheit verfehlenden, noch einer aufblähenden und gottvergeſſenen Wiſſerei in die Arme fallet,