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Induſtrie dieſes Studieren ebenſo nothwendig haben, als wie der Beamtenſtand,— dieſer Scheu, ſag' ich, iſt es denn wohl auch zuzuſchreiben, warum die früher den Realſchulen verliehenen Rechte und Befugniſſe hier und da wieder zum Bedauern aller Freunde der höheren Bürgerbildung vermin⸗ dert oder entzogen worden ſind. So hat das preußiſche Miniſterium für Handel und Gewerbe im Jahr 1855 das früher den Realſchulen verliehene Recht der Entlaſſung zur Bauakademie wieder ent⸗ zogen, ferner im Jahr 1856 ihren Abiturienten die Zulaſſung zum Studium des höheren Bergbaues genommen und im Jahr 1857 verfügt, daß die auf den Gymnaſien vorgebildeten Poſt⸗Eleven ſo⸗ gleich nach ihrem Eintritte in den Dienſt Diäten erhalten können, während dieſe Vergünſtigung den von der vollendeten oberſten Real⸗Klaſſe verſagt iſt.*)— Auch wir hatten ſeit dem Beſtehen der hie⸗ ſigen Real⸗Klaſſen darüber zu klagen, daß verhältnißmäßig wenig Schüler derſelben bis zur oberſten Klaſſe aushielten und den Curſus derſelben vollendeten. Um ſo erfreulicher iſt es daher für unſere Lehranſtalt, wie für ihre Lehrer, daß dießmal die Anzahl von ſechs Schülern den ganzen Realcurſus vollendet hat. Als Belohnung für dieſe Ausdauer habt Ihr, geliebte Schüler, dieſe beſonderen Zeugniſſe empfangen. Ich wünſche Euch dazu Gluück! Möge dieſes Zeugniß Euch bei Eurer ferneren Ausbildung überall zur Empfehlung dienen. Mehr als durch dieſes Zeugniß müßt Ihr aber Euch ſelbſt und die Schule empfehlen durch ſittliche Güte und Reinheit ſowohl als auch durch gediegene Brauchbarkeit in Eurem Berufe,— ferner durch Dankbarkeit gegen Eltern, Lehrer und gegen Alle, welche es gut mit Euch gemeint haben oder noch meinen werden!
Bei unſerem Scheiden leg' ich Euch nur noch zwei Lehren an das Herz.
Daß Ihr Eure berufliche Ausbildung noch nicht abgeſchloſſen habt, daß Ihr erſt nur eine all⸗ gemeine Vorbildung zu Eurem künftigen Berufe gewonnen habt, und daß dieſe noch eifrig durch Lernen und Uebung fortgeſetzt, erweitert werden muß, dieſe Ueberzeugung iſt wohl bei Euch feſt und unerſchütterlich. Ebenſo unerſchütterlich müßt Ihr aber auch überzeugt ſein, daß Ihr Eure moraliſch⸗religiöſe Bildung noch eifrig fortſetzen müßt, wenn Ihr dauerndes Glück auf Eurer Lebensbahn haben wollt. Laßt die Samenkörner der Gottesfurcht und Nächſtenliebe, welche in unſerer Schule in Eure Herzen gelegt worden ſind, würdige Früchte tragen.„Bleibet fromm und haltet Euch recht, denn ſolchen wird's zuletzt wohl gehen.“ Pſalm 37, 37.
Meine zweite Lehre, die ich Euch noch mitgebe, iſt: Vertragt Euch auch im Leben, wie Ihr Euch bisher in der Schule vertragen gelernt habt. Unſere Schule bot dieſes Jahr die eigne Er⸗ ſcheinung, daß Schüler von ſechs Confeſſionen ſich darin befanden und— vertrugen. Vertragt Euch auch künftighin, nicht nur unter Euch, ſondern auch in allen anderen menſchlichen Berührungen. Uebt und pfleget treulich die verſchiedenen Bekenntniſſe der Gottesfurcht, in welchen Ihr erzogen wurdet. In der Liebe können und ſollen wir alle zuſammenkommen.
III. Nach Bekanntmachung der Verſetzungen.
Geliebte Schüler, die Ihr durch die eben vor dieſem ehrwürdigen und theilnahmsvollen Zuhörer⸗ kreiſe bekannt gemachte Verſetzung eine ſprechende Belohnung für Euer bisheriges und eine ſchöne Ermunterung zu Eurem künftigen Streben bekommen habet, bewahret Euer Herz vor Stolz und Uebermuth, wenn Ihr dieſer Belohnung, dieſer Ermunterung würdig ſein wollt, und wenn Euer
*) Augsb. Allgem. Zeitung 1857, Nr. 65 und 80 ſowie 169 und 173 d. d. Berlin 18. Juni. Nach letzterem Artikel ſollen die Realſchulen in drei Klaſſen(Realgymnaſien, Realſchulen, Realvorſchulen) getheilt werden mit verſchiedenen Rechten.


