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Kreiſen über Genußſucht, Schlaffheit in geiſtiger Anſtrengung, frühreifes und oberflächliches Ver⸗ ſtandes⸗Raiſonnement und kühnes Abſprechen, Impietät und Undank der Jugend!— Hier und da nicht mit Unrecht!— Aber jeder laudator temporis acti frage ſich einmal, die Hand an das Herz: bin ich nicht mit ſolchen Beiſpielen der Jugend vorausgegangen?— Wie ließe ſich Selbſterkenntniß, Selbſtbeherrſchung, Gehorſam, Beſcheidenheit, Einfachheit, wie ließe ſich mit einem Wort das Evan⸗ gelium:„Suchet zuerſt das Reich Gottes und ſeine Gerechtigkeit, das Uebrige wird euch beigegeben werden;— in die jugendlichen Herzen mit Worten pflanzen, wenn ſie in ihrer Umgebung ein anderes, wenn auch nicht mit Worten, doch in der That gepredigt ſehen würden, jenes nämlich, dem der moraliſch⸗philoſophiſche Dichter Horaz(Ep. I, 1) zu ſeiner Zeit den Ausdruck gegeben hat: Rem facias, rem,
Si possis, recte, si non, quocunque modo rem...
„O cives, cives, quaerenda pecunia primum est;
„Virtus post nummos!“ Haec Janus summus ab imo
Praedocet, hacc recinunt juvenes dictata senesquc.—
Est animus tibi, sunt mores et lingua fidesque,
Sed quadringentis sex septem millia desunt:
Plebs eris.— Deutſch:„Die rellen Intereſſen nur ja beſorgt, wenn’'s geht, auf gradem Wege, wenn's nicht geht, auf jede beliebige Weiſe, nur zuerſt das Reellel... Ihr Herrn und Bürger, vor Allem erſt die blanken Thälerchen geſucht; das Himmelreich erſt nach dem Reich des Geldes! Dieß Evangelium predigt uns der Markt von oben bis nach unten, und dieſe Predigt betet jeder Milch⸗ und jeder Graubart nach.— Da hab' du Geiſt, hab' Seelenadel, habe das Wort in der Gewalt, hab' Biederſinn: doch fehlen dir an 16,666 Thalern*) nur ſechs bis ſiebenhundert, ſo zählſt du nicht zu der Nobleſſe!—
II. Bei Entlaſſung der Schüler der oberſten Real⸗Klaſſe.
Die eben aufgerufenen ſechs Realſchüler(Ludwig Eich, Ludwig Goldſchmidt, Ludwig Längsdorff, Jakob Schöneck, Mar Seipp, alle von Worms, und Jakob Möllinger aus Monsheim)— haben den ganzen Curſus der mit unſerem Gymnaſium verbundenen Realſchule vollendet und erhalten deß⸗ halb, wie ſchon im Prüfungs⸗Programme angekündigt wurde, beſondere Abgangs⸗Zeugniſſe.— Wir übergeben Euch, geliebte Schüler, hiermit dieſe Zeugniſſe theils zur Belohnung bisherigen Strebens, theils zur ferneren Ermunterung, theils auch und vorzüglich zum nachzuahmenden Beiſpiele von Seiten Eurer zurückbleibenden Mitſchüler in der Realſchule.
Es iſt die Klage faſt aller Realſchul⸗Directoren und Lehrer, daß die Schüler der Realſchulen meiſtentheils dieſelben früher, als nach Vollendung des ganzen Unterrichts⸗Curſus verlaſſen, alſo den von den Schulregierungen weislich beabſichtigten Vortheil geiſtiger Bildung für ihre künftige Berufstüchtigkeit nicht erlangen. Dieſe Erſcheinung iſt um ſo auffallender, je lauter ſolche Art von Schulen vom Gewerbſtand früher verlangt wurde, und je weniger dieſes Verhalten beitragen kann, das geiſtige Anſehen und die Wirkſamkeit dieſer Schule zu erhalten und möglichſt zu erhöhen. Dieſer Scheu vor geiſtiger Anſtrengung und Ausdauer, dieſer Scheu vor dem eigentlichen Studieren im heiligſten Sinne des Wortes in den gewerblichen Kreiſen, welche bei dem heutigen Aufſchwunge der
*) So viel war nöthig, um den römiſchen Ritter⸗ oder Adelſtand zu erhalten.


