Jahrgang 
1858
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Dieſes Studium des Lehrers iſt, wie geſagt, kein leichtes, und ſelbſt der ſorglichſte Lehrer ge⸗ nügt hierin nicht leicht ſich ſelbſt. Ich wenigſtens, wenn ich das ganze Jahr hindurch noch ſo ſehr jedem verloren ſcheinenden Schäflein nachzugehen bemüht war, muß mir am Ende, nach der Mahnung des göttlichen Lehrers(Luk. 17, 10), ſagen:ich war ein unnützer Knecht, ich habe nur gethan, was ich zu thun ſchuldig war. Zu dieſem Studium der Individualität eines jeden Knaben oder Jünglings iſt die öffentliche Prüfung die vorzüglich günſtige Gelegenheit für den Lehrer. Hier vor den Augen aller ſeiner Mitſchüler und Lehrer, vor den Augen ſeiner Eltern und der theilnehmenden Jugendfreunde zeigt der Knabe und Jüngling oft eine ganz andere Seite ſeiner Seele, als innerhalb der vier Schulwände. Solche neue Erfahrungen eignet ſich der Lehrer vorzüglich an und benutzt ſie für das kommende Schuljahr zum Heil und Segen ſeiner neuen Schüler, zum Heile der ganzen Lehreranſtalt...

Für den Schüler wird die öffentliche Prüfung gemeinlich als ein Hauptmittel angeſehen, ihn an öffentliches Auftreten zu gewöhnen, denn der Knabe muß als Mann hinaus in das Leben. Auch das iſt ohne Zweifel ein Hauptvortheil der öffentlichen Jahresprüfung, aber nicht der einzige, er iſt es nicht und ſoll es auch nicht ſein! Der Knabe und Jüngling glaubt gewöhnlich die öffentliche Prüfung glorreich beſtanden zu haben, wenn er die hier an ihn geſtellten Fragen ſchnell und fertig beantwortet. Und dieſe Antwortfertigkeit iſt allerdings Etwas, aber bei weitem noch nicht Alles für den menſchlichen Kenner, geſchweige für den Examinator, der durch keine Liſt zu täuſchen iſt, der Herzen und Nieren durchforſcht! Dieſer fragt nicht bloß nach der Antwort⸗ fertigkeit an dieſer Stelle hier, ſondern auch und vornehmlich danach: Haſt du, Knabe und Jüngling, jeden Tag dieſes Jahres deine Aufgabe redlich gefertigt? Haſt du keine Stunde, keinen Moment unbenutzt gelaſſen, um nicht nur dieſe Schulprüfung zu beſtehen, ſondern auch die viel ſchwerere Prüfung des Manneslebens und über kurz oder lang die ernſte Prüfung der letzten Stunde? Haſt du dir nicht bloß mit dem Gedächtniſſe Kenntniſſe angeeignet, ſondern haben dieſe Kenntniſſe auch deinen Geiſt zum göttlichen Leben geweckt, mit einem Worte: biſt du nicht nur witziger, ſondern auch weiſer und moraliſch edler geworden? Biſt du ſeit der letzten Jahresprüfung folgſamer gegen Eltern und Lehrer, verträglicher und milder im Urtheile gegen Mitſchüler und Geſchwiſter geworden, haſt du ſtets den Engel in deiner Bruſt gehört, wenn verführende Menſchen oder Bücher dein Herz beflecken oder vergiften wollten? Kurz: Haſt du in dieſem Jahre zugenommen an Wohl⸗ gefallen vor Gott und den gottgefälligen Menſchen?

Die öffentliche Jugendprüfung wird gemeinlich nur für eine Prüͤfung der Lehrer und Schüler angeſehen; aber es iſt auch eine Prüfung für die Eltern unſerer Schüler und für Alle, welche die Pflicht, Elternſtelle bei denſelben zu vertreten, auf ſich genommen haben, namentlich alſo auch für die Logisgeber unſerer auswärtigen Schüler. Viele Eltern ꝛc. werden hoffentlich zufrieden dieſe Stätte verlaſſen, aber auch dieſe werden von einer höheren Stimme gefragt: den wie vielten Theil habt ihr an dieſer Befriedigung in dieſem Jahr? Die Eltern ꝛc., welche unbefriedigt von hinnen gehen ſollten, wollen vor Allem bedenken, daß an der glücklichen Schul⸗ bildung Schule und Haus zuſammenwirken müſſen, wie Vater und Mutter, daß die Weisheit der Schule da wenig oder nichts vermag, wo das kindliche Herz nicht urbar gemacht iſt durch ſtrenge häusliche Ordnung und Zucht ſowie durch wahre Gottesfurcht:Gott fürchten iſt die Weisheit, welche reich macht und alles Gute mit ſich bringt, ſagt der weiſe Jeſus Sirach 1, 19, 20.

Die öffentliche Jugendprüfung iſt aber nicht bloß eine Prüfung für Lehrer, Eltern und Schuͤler, ſondern zugleich auch für ihre ganze Umgebung! Man klagt in nahen und fernen

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