Jahrgang 
1858
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B. Schulvorträge des Directors

am Schluſſe der vorjährigen öffentlichen Prüfung und während des Schuljahres.

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I. Bei Eröffnung der öffentlichen Prüfung, Oſtern 1857.

Verehrteſte Collegen, geliebte Schüler, verehrteſte Anweſende! Nach Abſchluß eines Jahres ſtehen wir hier wieder, um Rechenſchaft zu geben von den vielen Stunden, Sorgen und Koſten, welche während desſelben in dieſer Lehranſtalt auf die geiſtige Bildung und Veredlung dieſer Jugend

verwandt worden ſind. Den Hauptvortheil einer öffentlichen Prüfung, dieſer von den Voreltern hergebrachten ſchönen Sitte, ſieht man gewöhnlich in der Oeffentlichkeit, vor welcher Lehrer wie Schuͤler nach einer jährigen Beſchäftigung innerhalb der vier Wände mit einer Probe ihrer

Thätigkeit auftreten..gn

Ohne Widerſpruch iſt dieſes einmalige öffentliche Schulehalten im Jahre ein Hauptvortheil für Lehrer, wie Schüler.

Aber was erſtlich den Lehrer anlangt, nicht der einzige. Der wahre Lehrer hat jeden Tag in ſeiner Schule Prüfung, er lehrt und ſpricht nicht anders, als wenn die Schulhauswände von Glas, als wenn alle ſeine Worte nicht nur von den Eltern ſeiner Schuͤler, ſondern von der ganzen Oeffentlichkeit gehört werden könnten. Für den Lehrer muß daher die öffentliche Jahresprüfung noch ein anderes Intereſſe haben, als das der Oeffentlichkeit. Nach einem ebenſo unterrichteten als wohlerfahrenen Manne des Alterthums, nach Cicero, iſt der beſte Lehrer, welcher jeden ſeiner Schüler nach deſſen angebornen Eigenthümlichkeit, mit einem Worte: nach deſſen Individualität unter⸗ richtet und behandelt. Das iſt ein Studium, von welchem der größte Theil der Oeffentlichkeit keinen Begriff und auch keinen Maßſtab hat, das iſt ein Studium, welches nicht zu Ende gebracht wird, denn mit jedem Jahre erneuert ſich die Zahl und auch die Eigenſchaft der Schüler, mit jedem neuen Jahre erneuert ſich alſo auch dieſes Studium des Lehrers. Wie es unter erwachſenen Menſchen nicht leicht einen gibt, welcher gar keine gute Seite hätte, ſo gibt es wohl noch mehr unter den unerwachſenen, unter der Jugend, nicht leicht eine Seele, welche nicht noch eine Seite hätte, durch welche der Lehrer mit ſeinen heilſamen Abſichten eindringen, die junge Seele faſſen und retten könnte vom Strudel des Verderbens, in welche ſie Leichtſinn, Sinnlichkeit, innere oder äußere Verführung hinabzureißen droht.