Jahrgang 
1907
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bereitungsſchule für andere Zwecke. Ohne alſo der Frauenfrage das Recht zuzuerkennen, be⸗ ſtimmend in die Organiſation der höheren Mädchenſchule einzugreifen, begrüßen wir andererſeits freudig ihre Mitwirkung in der energiſchen Forderung der Erziehung der Frau zur Selbſtändig⸗ keit, zur Perſönlichkeit. Hier iſt der höheren Mädchenſchule jeder Bundesgenoſſe willkommen, um⸗ ſomehr, als die naturbedingte, größere Rezeptivität des weiblichen Geſchlechts für den Lehrer eine Gefahr bildet, ſich mehr an das Gedächtnis als an die Denkkraft der Schülerinnen zu wenden. Beruht doch hierauf der bekannte Vorwurf, es würde an Mädchenſchulen zu viel auswendig will ſagen mechaniſch gelernt. Nur iſt bei dieſer Berückſichtigung der Frauenbewegung zu bedenken, daß dieſe ſo erfreuliche Betonung des Rechtes der Erziehung zur Perſönlichkeit nicht erſt von den Vertretern der Frauenrechte in die Welt der Schule eingeführt wurde, ſondern eine Forderung iſt, die mit der hiſtoriſchen Geſamtentwicklung unſeres Volkes zuſammenhängt. Von den großen Er⸗ ziehern unſeres Volkes, Fichte, Peſtalozzi, Stein, Goethe ausgehend, iſt ſie langſam und ſicher bis in die ſtillen Räume der Schule vorgedrungen und bleibt noch heute unſere Loſung, ſie das höchſte Glück der Erdenkinder. Redner gedenkt ſodann mit einer gewiſſen Wehmut des alten, idylliſchen Heims, das die Schule verlaſſen, und verſucht ſeinen in die Augen ſpringenden Schatten⸗ ſeiten auch einige pädagogiſche Lichtſeiten abzugewinnen. Hatte doch die dortige Enge der Ver⸗ hältniſſe bei dem Kollegium den Sinn für gegenſeitige, freundliche Hilfsbereitſchaft, bei den Schülerinnen vielleicht allerdings mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe! den Sinn für Ordnung und für Ruhe gefördert. In dieſem Punkte, ſo hoffte Redner, ſoll es auch im neuen Heim gründlich beim Alten bleiben. Sodann verſucht er der dort gebotenen Beſchränkung bezüglich der Lehrmittel eine gute Seite abzugewinnen, inſofern die moderne Lehrwiſſenſchaft leider vielfach im Schlepptau der Spekulation und Reklame! überdies ihre pädagogiſche Bedenken hat, indem die Ausbildung der Phantaſie und der geiſtigen Selbſttätigkeit dabei etwas zu kurz kommen. So ein bischen Robinſon Cruſoe könnte unſerer Jugend, auch ohne den um⸗ ſtändlichen Apparat der Schülerwerkſtätten, nichts ſchaden. Doch bei aller Pietät gegen das alte Schulgebäude es war hohe Zeit, daß Wandel geſchaffen wurde. Wir brauchten Luft, Licht, Raum. Zwei Ziele hauptſächlich waren es, deren entſprechende Erreichung in den mittleren⸗ Klaſſen bisher unmöglich war: Klaſſenteilung und Klaſſenlehrerſyſtem und deren Folge die Über⸗ füllung der Klaſſen und eine zu große Zerſplitterung des Unterrichts. Die Möglichkeit, dieſe Ziele immer durchgreifender zu erreichen, liegt jetzt endlich vor. Freilich neben die Rechte, in welche die neue Schule uns einſetzt, treten die Pflichten. Dem Kollegium legt der durch die räumliche Dezentraliſation bedingte geringere äußere Zuſammenhalt die Pflicht einer um ſo ſtrafferen Konzentration, eines um ſo geſchloſſeneren Zuſammenwirkens auf, den Schülerinnen aber die Pflicht, das ſchöne in ſo freundlichen Farben prangende Heim im Intereſſe der Erziehung zu Geſittung und Ordnung nun auch freundlich und reinlich zu erhalten. Das wäre der ſchönſte Ausdruck des Dankes für die Liberalität der Schule der Stadt gegenüber. Mit dieſem Wunſche ſchloß Redner in den Worten:So gebe Gott, in deſſen Hände wir betend und vertrauend die Zukunft dieſer Schule legen, zum Wollen das Vollbringen, zum Segen der Stadt, zum Segen der Eleonorenſchule. Nach einem abermaligen Vortrag des ChorsDie Ehre Gottes von Beethoven ergriff Herr Geheimrat Dr. Eiſenhuth das Wort. Zu Beginn ſeiner ein⸗