Jahrgang 
1929
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heitere Städtchen und seine waldreiche Umgebung Goethes GedichtIImenau zu hören. Weiter ging's auf die Höhe, wo wir die Hütte fanden, in der die VerseUeber allen Gipfeln ist Ruh' entstanden sind. Es war ein schönes Wan- dern durch schattigen Wald und Himbeergesträuch, dann, weniger angenehm, wieder in sengender Sonne steil hinauf. Müde und abgespannt waren wir, als wir endlich bei sinken- der Nacht dieSchmücke erreichten, wo uns ein reichliches Abendbrot bald wieder zu Kräften brachte. Dann ging's hin- aus in die kühle Nacht, die uns zum tiefen Erlebnis wurde. Wie wir so schweigend und im Gleichschritt in die Dunkel- heit hineinmaschierten, und wie wir uns in diesen zwei Stun- den der Natur so nahe fühlten, wird uns allen unvergeßlich bleiben. Bei kurzem Halt hörten wir GoethesWillkommen und Abschied und dann bei einem eindrucksvollen Mond- aufgang das GedichtAn den Mond, das wir so gut nach- empfinden konnten. Spät erreichten wir in Suhl unser Nacht- quartier, die best eingerichtete jugendherberge, die wir auf unserer Fahrt trafen.

Am nächsten Morgen ging unsere Fahrt über Schwein- furt nach Würzburg. Nach dem Mittagessen besichtigten wir die schöne, alte Stadt. Leider war die Zeit zu kurz. Dom, Neumünster, Residenz und das malerische Mainufer, das sind unsere hauptsächlichsten Eindrücke gewesen. Schon stand der Zug bereit, und nach einer Fahrt, die wie im Fluge verging, langten wir gegen zehn Uhr abends in Wiesbaden an.

Wir hatten viel gesehen in den fünf Tagen, und wir waren erfüllt von neuen Eindrücken und begeistert von der Schönheit eines blühenden Teiles unseres Vaterlandes.

A. Kleinschmidt, OI.

Studienfahrt der UI: Lachender Himmel. strahlende sonne! Na, wenn das Wetter so blieb, dann würde es schön werden! Und das Wetter hielt, was es am ersten Tage ver- sprach, hielt es unsere fünf Reisetage hindurch. So war es kein Wunder, daß wir in rosigster Stimmung in Würzburg eintrafen, in Würzburg, der Bischofstadt mit ihren vielen Kirchen. Noch am Abend nach unserer Ankunft, einem wunderschönen, sommerlich-warmen Abend, stiegen wir die Stufen des Passionsweges hinauf zu Würzburgs Wallfahrtsort, demKäppele. Gerade weil die Dämmerung bereits ein- getreten war, erschien uns das Innere dieses nach einer Scite verlängerten Zentralbaues so wuchtig und monumental. Vom Platz vor dem Käppele hatten wir dann noch ein schönes Bild. Wir sahen, wie der Abend allmählich die Stadt zu un- seren Füßen in seinen dunklen Mantel hüllte und ein Licht nach dem andern aufglimmen ließ.

Der nächste Tag ließ nichts unbesehen, was sich der kunstgeschichtlichen Ausbeute lohnte. Vor allem galt unser Besuch der selbst das berühmte Schloß von Versailles an Schönheit übertreffenden Residenz, zu deren Bau und kunst- voll bis ins Einzelne vollendeten Inneneinrichtung nicht we- niger als drei Fürstbischöfe ihr alles cingesetzt hatten. Mit größtem Interesse folgten wir den Ausführungen eines Würz- burger Studenten, der uns durch die zwei über hundert Meter langen Zimmerfluchten führte. Es würde zu weit führen, auch noch auf die vielen anderen Schenswürdigkeiten, an denen Würzburg so reich ist, näher einzugehen. Doch nichts entging uns: weder das alte Rathaus mit dem Brunnen da vor, noch der gotische Prachtbau der Marienkapelle, noch das das HausZum Falken, noch die alte Mainbrücke mit ihren Heiligenbildern, noch die Neumünsterkirche, die eine glück- liche Verbindung von Renaissance und Barock darstellt, noch der Dom, in dem uns neben all dem architektonisch und kunstgeschichtlich Interessanten besonders das Grabmal des Bischofs Rudolf von Scheerenberg fesselte, in dem Tilman Riemenschneider durch seine große Kunst dem toten Marmor Leben einhauchte. Mit der Erinnerung an all das Schöne, das wir geschen, fuhren wir am näãchsten Morgen nachRothenburg.

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Jeder hatte sich wohl schon im geheimen ein Bild ge- macht von dem mittelalterlichen Städtchen, von dem man uns sagte, daß es noch so ganz von der Neuzeit unberührt daliege als Denkmal einer vergangenen Zeit. Ich glaube wohl, es ist Keiner enttäucht worden. Singend zogen wir in strammem Schritt durch das Rödertor ein und da empfing uns in einem Augenblick der ganze eigenartige Zauber dieser Stadt. Jje mehr wir durch die Gassen und Gässchen streiften, desto mehr enthüllte er sich uns. Immer wieder eine neue, heimliche Ecke, immer wieder ein trautes, kleines Häuschen, bei dessen Anblick man dachte: da möchte ich wohnen; immer wieder etwas Neues, Schönes. Ich nenne nur das Rathaus, mit seinem versteckten, berühmten Eingangstürchen im Innenhof, das Plönlein, das Hegereiterhäuschen, die Wolf- gangkapelle, den Wehrgang, den entlang zu gehen ganz be- sonders reizvoll war.

Eine große Uberraschung sollten wir noch erleben. Am übernächsten Tag waren die Rothenburger Festspiele! Die mußten wir schen! So änderten wir unseren Reiseplan und entschlossen uns, am Sonnabend nach Dinkelsbühl zu fahren und am Abend nach Rothenburg zurückzukehren.

Am nächsten Morgen also Abmarsch von der Jugend- herberge, der urgemütlichen Pulvermühle in Dettwangen bei Rothenburg. Mit einer gewissen Spannung sahen wir dem Besuch der anderen Stadt entgegen, die ihr mittelalterliches Gepräge bis heute erhalten haben sollte. Dinkelsbühl ist auch ganz Mittelalter, ja, vielleicht noch mehr Mittelalter als Rothenburg, denn es wird nicht so sehr von Autos und mo- dernen Stadtmenschen überflutet.

Sonntag in Rothenburg! Festspielsonntag! Am Mor- gen besahen wir den wunderbaren Holzaltar in der Kirche zu Dettwangen und staunten über die meisterhaſte Kunst. KRiemenschneiders, die er uns schon in Würzburg gezeigt hatte und uns dann noch in seinem anderen großen Kunst- werk, dem Holzalrar in der Rothenburger St. Jakobskirche vor Augen führte.

Das Festspiel setzte unserm Rothenburger Aufenthalt die Krone auf. Alles, was wir da miterlebten, war ein Itück Mittelalter. Im Rathaussaal Stellten Rothenburger dar, wie ihr Bürgermeister bei der Belagerung ihrer Stadt durch Tilly sein und seiner Mitbürger Leben durch einen gewaltigen Trunk rettete. Am Nachmittag genossen wir den reizenden Anblick des altüberlieferten Schäfertanzes auf dem Markt- platz. Der schöne Rothenburger Aufenthalt nahm nur allzu schnell ein Ende, und so hieß es denn am nächsten Tag Abschied nehmen. Der fröhliche Gesang, der sonst wie selbstverständlich aus unserer Kehle kam, wollte nicht so recht gelingen, als wir da am frühen Morgen durch die Tore hinauszogen, durch die wir nicht mehr zurückkommen soll- ten. Dafür zogen wir aber nach einer halben Tagesfahrt durch Nürnbergs Tore, die sich uns breit und wuchtig öffneten.

Es ist etwas Eigenes um eine Stadt, die eine große Ver- gangenheit hat und auch noch in der Gegenwart eine über- ragende Rolle spielt. Und gerade in Nürnberg veręinigt sich so schön das Alte mit dem Neuen. Da kommt man vom lärmendsten Großstadtgetriebe in alte, enge, winkelige Gäßchen, stößt auf einen großen Plarz, ein hohes, altertüm- liches Gebäude, und wenn man fragt:Was ist das 2*, s0 erfährt man, daß jedes Einzelne seine stolze Vergangenheit har wie Nürnberg selbst.

Wir wollten erst einmal einen Einblick in das Stadtbild des mittelalterlichen Nürnberg gewinnen und gingen die wuchtige Mauer entlang, neben deren gewaltigen Ausmaßen man sich wie ein Zwerg vorkommt, gingen durch winkelige Gäßchen, über Brücken und Plätze, an Kirchen vorbei, vor- bei auch an alten, uns aus Abbildungen wohlbekannten Ge- bäuden, um schließlich im Herzen Nürnbergs Halt zu:machen, auf dem Marktplatz. Auch hier fanden wir nur bestätigt, was wir erwartet hatten: die kunstvollen Brunnen, die alten