Jahrgang 
1894
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Zu Lehrern an dem Seminar ernannte das Provinzial-Schulkollegium aufser dem Berichterstatter die Oberlehrer Schlaadt, Dr. Heil und Dr. Müller II. Dieselben wurden für die ihnen aus der Anleitung der Kandidaten erwachsende Mehrarbeit während des Winterhalbjahres in ihrer eigenen Unterrichts- thätigkeit erleichtert, wie der Plan der Lektionsverteilung(S. 4) aufweist.

2) Die Zusammensetzung des Lehrerkollegiums erfuhr zu Ostern die Veränderung, dass der wissenschaftliche Hilfslehrer Tiemann als Oberlehrer an das Gymnasium in Hersfeld berufen und von dort der Hilfslehrer Dr. Koch hierher versetzt wurde. Das neue Schuljahr wurde am 11. April nach herkömmlicher Weise eröffnet.

3) Kurz nach Beginn des Schuljahres erfolgten Titel- und Rangerhöhungen mehrerer Lehrer. Den Oberlehrern Dr. Spiefs, Bücheler und Fritze wurde durch den Herrn Unterrichtsminister das PrädikatProfessor verliehen. Auch geruhten Seine Majestät der Kaiser und König den Professoren Otto, Dr. Müller, Dr. Flach, Dr. Adam und Dr. Spiefs den Rang der Räte vierter Klasse zu verleihen.

4) Minder erfreulich war eine am 1. Mai hier einlaufende Nachricht, durch welche die im vorigen Programm(S. 19) ausgesprochene Hoffnung auf baldige Erlangung eines Turn- und Spielplatzes einst- weilen zerstört wurde. Die Anstalt besitzt seit dem Jahre 1879 gemeinsam mit dem Realgymnasium eine gut eingerichtete Turnhalle, die in unmittelbarer Nähe der beiden Schulen erbaut ist. Sie reichte längere Zeit für die Zwecke des Turnbetriebs recht wohl hin. Zu bedauern blieb freilich, dass bei ihr nicht auch ein freier Platz lag, der sich zur Veranstaltung von Turnspielen geeignet hätte. Diesem Mangel stand aber der bedeutende Vorzug gegenüber, dass die günstige Lage der Halle es ermöglichte, das Turnen den übrigen Unterrichtsstunden angemessen einzureihen. Für gröſsere Turnspiele benutzten wir den an der Schiersteiner Landstraſse gelegenen Exercierplatz; allein da diesem die Eigenschaften abgingen, die ein Turn- und Spielplatz haben muſs, wenn er seinem Zwecke entsprechen soll, so zeigte sich immer mehr die Unzulänglichkeit der von uns getroffenen Einrichtung. Nun kam hinzu, dass die beiden Königlichen Anstalten an Klassen- und Schülerzahl zunahmen, so dass demgemäſs auch die Zahl der zu erteilenden Turnstunden regelmälſsig vermehrt werden muſste. Diese Steigerung in der Benutzung der Halle hatte aber selbstredend eine gewisse Grenze. Je stärker eine Halle täglich benutzt wird, desto ungünstiger werden in ihr die sanitären Verhältnisse; denn es entwickelt sich allmählich in dem ge- schlossenen Raume, auch wenn alle Vorsichtsmaſsregeln zu seiner Reinhaltung getroffen werden, ein Staub, wélcher der Gesundheit der turnenden Schüler wie des Lehrers entschieden verderblich wird. So kann es dahin kommen, dass es schlieſslich nützlicher ist, überhaupt nicht zu turnen als die Atmungsorgane zumal in ihrem bei der angestrengten Körperbewegung erhitzten Zustande dem Eindringen einer stauberfüllten Luft auszusetzen. Natürlich wird der hier angedeutete Nachteil um so schwerer, je zahlreicher die Schüler- schar ist, die in dem Raume gleichzeitig turnt. Es wird daher nicht auffallend erscheinen, dass die eine Turnhalle für die beiden groſsen Anstalten in den letzten Jahren nur zur Not noch ausreichte. Als nun gar infolge der Lehrpläne vom 6. Januar 1892 die Zahl der Turnstunden um ein Drittel vermehrt wurde, ergab sich das unabweisbare Bedürfnis, einen Platz zu gewinnen, auf dem eine zweite Turnhalle errichtet werden konnte. Freilich wäre es dabei sehr vorteilhaft gewesen, wenn derselbe den Gymnasien möglichst nahe lag, indes da hierzu die Aufwendung auſserordentlich hoher Kosten unvermeidlich war, so glaubten wir diesen Wunsch schon im Hinblick auf die gegenwärtige Finanzlage des Staates als unerreichbar aufgeben zu sollen. Vielmehr fafsten wir ein vom Gymnasium 1,2 km entferntes, an der oberen Dotzheimerstraſse gelegenes und dem Domänenfiskus gehöriges Grundstück ins Auge, das zur Herrichtung als Spielplatz wie zur Erbauung einer Turnhalle geeignet erschien. Die Domanialabteilung der Königlichen Regierung erklärte sich auf wiederholte Bitten bereit, den betreffenden Platz den Anstalten gegen eine geringe Pacht bis Ende des Jahres 1913 zu überlassen. So konnten wir auf 20 Jahre hinaus, wenn wir an der Stelle eine leicht gebaute Halle errichteten, das vorliegende Bedürfnis befriedigen. Und da die Aufbringung der dafür erforderlichen Mittel infolge wohlwollenden Entgegenkommens der den Nassauischen Central-Studienfonds verwaltenden Kirchen- und Schulabteilung der hiesigen Regierung keine erheblichen Schwierigkeiten zu bereiten schien, auch das Provinzial-Schulkollegium dem Plane ein geneigtes und lebhaftes Interesse entgegenbrachte, so gaben wir uns der Hoffnung hin, die Angelegenheit werde bald zu einem glücklichen Abschluss kommen. Allein wir hatten uns leider getäuscht, indem der Herr Unterrichts- minister in einem Erlasse vom 24. April 1893 dem Provinzial-Schulkollegiumnach Benehmen mit dem Herrn Finanzminister erwiderte, dass den gestellten Anträgen nicht stattgegeben werden könne.

Wir muſsten uns also bescheiden und mit dem uns zur Verfügung stehenden Raume auszukommen suchen, so gut es eben ging. Es kam in Frage, ob nicht die Erteilung der neu vorgeschriebenen Anzahl