Es iſt bereits ein neuer Lehrplan ausgearbeitet, der im Sinne der obigen Ausführungen den Be- dürfniſſen der ländlichen Jugend Rechnung trägt und der im übrigen demjenigen der deutſchen Oberſchule ähnelt. So wird ſich die höhere Land- wirtſchaftsſchule zu einem eigenartigen Schultyp entwickeln, mit dem ausgeſprochenen Zweck, der ländlichen Bevölkerung zu dienen, mitzuwirken bei der Ausbildung tüchtiger Landwirte für den praktiſchen Beruf ſowie auch bei der Ausbildung von Landwirtſchaftslehrern und ſonſtigen Beam- ten, die auf dem Lande und für das Land tätig ſind. Zeigt doch auch die jetzige Notlage der Landwirtſchaft wieder, wie ſehr die Landwirt- ſchaft der Führerperſönlichkeiten bedarf.
Es iſt eine neunklaſſige Schule geplant, deren unterſte ſechs Klaſſen mit der Unterſekunda ab- ſchließen, alſo eine Bildung übermitteln, die über die mittlere Reife hinausgeht und dem früheren „Einjährigen“ entſpricht. Im Gegenſatz zu dem jetzigen Zuſtand, der vier Fachklaſſen vorſieht, werden alſo die Schüler, die ſpäter in die väter- liche Wirtſchaft wollen, ein Jahr früher fertig. Es wird dadurch den jetzigen Zeitverhältniſſen Rechnung getragen, in denen es vielen Landwirten ſchwer fällt, ihre Kinder mehrere Jahre auf eine höhere Schule zu ſchicken.
Für diejenigen Schüler, die bis zur Vollreife wei- tergehen wollen, iſt vorgeſehen, von Unterſekunda ab eine zweite Fremdſprache einzuführen. Sie erlangen nach weiteren drei Jahren, alſo mit dem erfolgreichen Beſuch der Oberprima, das Reife- zeugnis. Es wird allerdings nur Fachcharakter ha- ben, das heißt, es wird vorausſichtlich nur zum Studium der Landwirtſchaft, des Forſtfaches, der Tierheilkunde und verwandter Berufe berechtigen. Der geplante Umbau bedarf für die drei oberſten Klaſſen noch der Zuſtimmung des Kultusminiſte- riums, die in ſicherer Ausſicht ſteht.
Der Verwaltungsrat der Höheren Landwirt- ſchaftsſchule zu Weilburg, ſowie die ſtädtiſchen Körperſchaften haben den Aufbau der drei ober- ſten Klaſſen ins Auge gefaßt. Die endgültige Ge- nehmigung des Aufbauplanes durch die Miniſterien iſt allerdings noch abzuwarten. Der Aufnahme einzelner Mädchen, ſoweit ſie landwirtſchaftlich eingeſtellt ſind, ſteht die Weilburger Schule nicht ablehnend gegenüber.
Bereits Oſtern 1930 werden Schüler in Sexta Quinta, Quarta und Untertertia nach dem neuen Plan aufgenommen und unterrichtet. Die Oſtern 1930 in Untertertia eintretenden Schüler können alſo nach drei Jahren mit Unterſekunda abgehen, oder ſie können vorausſichtlich nach drei weiteren Jahren zum Fachabitur gelangen.
Die Höhere Landwirtſchaftsſchule Weilburg erſtreckt ihren Schulbezirk über die ganze Provinz Heſſen-Naſſau, alſo über die Regierungsbezirke
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Kaſſel und Wiesbaden. Sie iſt in der Provinz die einzige Anſtalt ihrer Art und iſt nicht zu verwech- ſeln mit den„Landwirtſchaftsſchulen“(landw. Winterſchulen), die in jedem Kreiſe beſtehen und als Fachſchulen für den bäuerlichen Beſitzſtand gel- ten. Die Weilburger Höhere Landwirtſchaftsſchule iſt die Sonderſchule für den mittleren landwirt- ſchaftlichen Berufsſtand in Heſſen-Naſſau. In ihrer Einrichtung ähnelt ſie den Realanſtalten, unter- ſcheidet ſich aber von ihnen durch den ſtarken naturwiſſenſchaftlich- landwirtſchaftlichen Ein- ſchlag. Dadurch eignet ſie ſich beſonders für Schü- ler, die weniger ſprachlich begabt ſind. Sie legt durch die Wahl eines erprobten Unterrichtsver- fahrens beſonderen Wert darauf, die Selbſttätig- keit und die Denkfähigkeit der Schüler auszubil-
den.
Die erſte und vornehmſte Aufgabe der Höheren Landwirtſchaftsſchule bleibt, die ihr anvertrauten Schüler zu denkenden, berufsfreudigen, prakti- ſchen Landwirten vorzubilden und zu erziehen. Sie nimmt daher in erſter Linie die Söhne der praktiſchen Landwirte auf oder ſolche Schüler, die ſich ſpäter der Landwirtſchaft oder verwandten Berufen widmen wollen. Sie weiſt aber auch Schü- ler aus anderen Berufskreiſen nicht zurück; wer Kaufmann, Techniker ufw. werden will oder in einen Beruf einzutreten beabſichtigt, der mit der Landwirtſchaft Beziehungen unterhält, wird ge- rade an der Höheren Landwirtſchaftsſchule wert- volle Grundlagen erwerben können.
Die Weilburger Anſtalt rechnet damit, daß der geſamte landw. Mittelſtand der Provinz in ſteigen- dem Maßte ſich ihrer als Erziehungsanſtalt für feine Söhne bedienen wird, zumal ſie mit beiden Be- zirksverbänden und beiden Landwirtſchaftskam- mern der Provinz eng verbunden iſt. Wer ſpäter- hin als Landwirt tätig ſein will, muß über tüch- tiges Wiſſen und gründliche Vorbildung verfügen, ſonſt geht er im Wettbewerb mit beſſer Ausge- rüſteten unfehlbar zugrunde. Sorgfältige Schulbil- dung wird in Zukunft unerläßlich ſein für jeden, der im Leben ſich eine geſicherte Stellung erringen will, und damit werden die Höheren Landwirt- ſchaltalehplen auch weiterhin unentbehrlich blei-
en.
Die mit dem Abgangszeugnis entlaſſenen Schü- ler, die Landwirt werden wollen, treten zweck- mäßig ſofort nach der Schulzeit die praktiſche Lehrzeit an(zwei Jahre als Lehrling, ein Jahr als Volontärverwalter). Die Ablegung der Lehrlings-
rüfung iſt anzuraten. Teilnahme an einem Jahres- ehrgang einer höheren Lehranſtalt für praktiſche Landwirte(ſog. Seminare für Landwirte, z. B. in Wolfsanger b. Kaſſel) oder Studium an einer land- wirtſch. Hochſchule ſchließen ſich vorteilhaft erſt
nach weiterer mehrjähriger Praxis an.


