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6. Chronik der Anſtalt..
Das Schuljahr 1924/25 wurde am Dienstag, den 29. April, mit der Aufnahmeprüfung der für die Sexta neu angemeldeten Schüler eröffnet, am folgenden Tage begann dann der Unterricht, dem eine gemeinſchaftliche Andacht und die Aufnahme der Schüler, die die Prüfung beſtanden hatten oder die auf Grund eines Schulzeugniſſes aufgenommen werden konnten, vorausging. Der Unterricht litt im 1. Vierteljahr unter mancherlei Störungen. Am 12. April waren die Studienräte Angersbach und Stürmer in den einſtweiligen, der Studienrat Schlitt und der Oberſchullehrer Fiedler in den endgültigen Ruheſtand getreten, Direktor Marxhauſen trat am 30. April in den einſtweiligen Rnheſtand. Zur Deckung des Unterrichtsbedürfniſſes wurden der Anſtalt die Studienaſſeſſoren Dr. Kummer von Kaſſel und Lauth von der Oberreal⸗ ſchule in Fulda überwieſen. Die Ernennung eines neuen Direktors war in nahe Ausſicht geſtellt worden, erfolgte aber erſt zum 1. Juli. Infolgedeſſen mußten viele Stunden vertretungs⸗ weiſe gegeben werden, in anderen wurden Klaſſen zuſammengelegt, noch andere fielen ganz aus, da ſelbſt bei Ueberſtunden die Zahl der Lehrkräfte nicht ausreichte. Die Geſchäfte des Direktors verſah inzwiſchen im Auftrage des Provinzialſchulkollegiums Studienrat Debes.
Am 2. Mai weilten die Herren Oberſchulrat Dr. Sondag vom Miniſterium für Wiſſen⸗ ſchaft, Kunſt und Volksbildung und Geh. Regierungs⸗ und Oberſchulrat Dr. Gerſtenberg vom Provinzialſchulkollegium in unſerer Stadt, um mit den Vertretern der Stadt und des Kreiſes über das zukünftige Schickſal des Gymnafiums zu beraten. Infolge der bedrängten Finanz⸗
lage des Staates nämlich wurde von ſeiten der Regierung erwogen, die 3 oberen Klaſſen der Anſtalt eingehen zu laſſen und dieſe ſelbſt in eine Realanſtalt zu verwandeln. Jedoch lagen triftige Gründe vor, von dieſem Plane abzuſtehen und dem Herrn Miniſter vorzu⸗ ſchlagen, die Schule als Vollanſtalt beſtehen zu laſſen. Der hierbei erwogene Gedanke, den humaniſtiſchen Charakter des älteſten naſſauiſchen Gymnaſiums zu ändern, wird hoffentlich keine Verwirklichung finden, zumal die vorgeſetzte Behörde davon unterrichtet iſt, daß die ge⸗ ſamte Elternſchaft die Erhaltung des gymnaſialen Charakters der Anſtalt verlangt Nach Beendigung der Beratung wohnten die Herren dem Unterricht in einigen Klaſſen bei Am Nachmittag fand unter dem Vorſitz des Herrn Oberſchulrats Dr. Sondag eine Geſamt⸗ konferenz ſtatt, in der Herr Dr. Sondag im Anſchluß an das Geſehene und Gehörte eine Reihe von methodiſchen un pädagogiſchen Bemerkungen machte, beſonders auch mit Rückſicht auf die vor kurzem erſchienene Denkſchrift des Miniſteriums.
Am 18. Juli wurde in der feſtlich geſchmückten Aula in Gegenwart der Schüler, vieler Eltern und der Vertreter der Behörden die feierliche Einführung des neuen Direktors, Dr. Paul Rüttgers“), bisher Studienrat am Staatlichen Gymnaſium in Hamm in Weſtfalen, durch Herrn Geheimrat Dr. Gerſtenberg vorgenommen. Dieſe Feier galt zugleich der Ver⸗ abſchiedung des Direktors Marxhauſen und der anderen ausgeſchiedenen Herren. Tags zuvor wurden die Reichsjugendwettkämpfe abgehalten. Die Sommerferien dauerten vom 18. Juli bis zum 19. Auguſt. Am 25. Auguſt fand in der Aula eine Feier aus Anlaß der Wieder⸗ kehr des Verfaſſungstages ſtatt, bei der Studienrat Dr. Sachtſchal in der Feſtrede auf die Bedeutung dieſes Tages hinwies. Die beiden letzten Unterrichtsſtunden des 30 Auguſt dienten dem gemeinſamen Andenken Fritz Reuters; Studienrat Laermann zeichnete ein Lebens⸗ bild des Dichters und las charakteriſtiſche Stellen aus ſeinen Proſaſchriften und Gedichte von ihm vor. Die ſchriftliche Reifeprüfung des Herbſttermins fand vom 11. bis zum 15. September, die mündliche unter dem Vorſitz des Dezernenten der Anſtalt, Herrn Geh. Regierungs⸗ und Oberſchulrats Dr. Gerſtenberg, am 20. September ſtatt. Am 13. Sep⸗ 1*) Paul Rüttgers, geboren am 2. März 1880 in Vluyn im Kreiſe Mörs(Niederrhein) beſuchte
in den Jahren 1890 bis 1899 das Gymnaſium Adolfinum zu Mörs und ſtudierte dann auf den Uni⸗ verſitäten Heidelberg und Bonn klaſſiſche Philologie und Religionswiſſenſchaft, promovierte auf Grund
einer Diſſertation über Caſusgebrauch in altkretiſchen Inſchriften zum Doktor der Philoſophie und beſtand anlb. Juli 190, die Prüfung ſür das höhere Lehramt. Das Seminarjahr abſolvierte er am Staatlichen Hohenzollerngymnaſium in Düſſeldorf, das Probejahr am Staatlichen Gymnaſium Adoilfinum in Mörs. Vom 1. Oktober 1907 bis zum 1. April 1911 war er Oberlehrer am Gymnaſium
in Barmen, dann bis zum 1. April 1915 Oberlehrer am Gymnaſium in Ratzeburg, von da ab bis zum 1 Juli 1924 Studienrat am Staatlichen Gymnaſium in Hamm in Weſtfalen.


