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mehrmals anders verteilt und sowohl das Winter- wie das Sommersemester mit einem provisorischen Stundenplan begonnen werden. Der Anfang war wenig erfreulich, aber Bernhardt liess sich dadurch nicht beirren. Wie unentwegt er trotzdem ans Werk ging, beweist schon der Umstand, dass bereits Ostern 1876 die bis dahin vereinigten bei- den Tertien getrennt wurden. Über die Ziele, welche er im sprachlichen Unterricht ver- folgte, hat er sich selbst in der Festschrift zur Feier des 350jährigen Bestehens der An- stalt verbreitet.„Der neue Direktor“— heisst es dort—„übernahm den ganzen grie- chischen Unterricht in der I. und den grössten Teil des lateinischen(6 St.) in derselben Klasse, ausserdem 2 Stunden Homer in II1. Bei seinem ÜUnterricht betonte er die Lektüre mehr, als es bisher geschehen war. Besonderes Gewicht legte er darauf, dass viel Homer gelesen wurde; die Ilias wird seit seinem Eintritt in I mit wenig Auslassungen ganz, die Odyssee in II mindestens zur Hälfte, öfter 15— 16 Gesänge gelesen. Auch der prosaischen Lektüre gab er ein rascheres Tempo und nahm in der Regel nicht zwei Schriftsteller zu- gleich vor, sondern wechselte mit Dichtern und Prosaikern ab. Die schriftlichen Arbeiten wurden mit der Lektüre in enge Verbindung gesetzt. Gleiches Verfahren wurde auch mehr oder weniger von den übrigen Lehrern eingehalten und die Lektüre namentlich auch im deutschen Unterricht bedeutend gegen früher ausgedehnt. Der Privatfleiss der Schüler wurde dazu mit in Anspruch genommen und, um zur deutschen Lektüre anzuregen, die Lesebibliothek bedeutend vermehrt.“ Daneben wurde für Anschauungsmittel zur Be- lebung des Unterrichts reichlicher gesorgt und auf Hebung des Turnens und der ge— sanglichen Leistungen Bedacht genommen. 1879 trat auf Bernhardts Anregung ein ge- mischter Chor ins Leben, dessen Konzerte sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen; ebenso ward, um einen regelmässigeren Betrieb des Turnunterrichts zu ermöglichen, auf seine Veranlassung im Herbst 1877 der Bau einer eigenen Turnhalle für das Gymnasium in Angriff genommen und im Juli des nächsten Jahres vollendet. Hand in Hand damit ging die Umgestaltung des dem Hauptgebäude gegenüberliegenden sog. Komödienbaus, welchen der Fiskus schon 1872 behufs Erweiterung und Vermehrung der Schulräume dem Gymnasium überlassen hatte. Indem dadurch ausser der grossen Aula ein Zeichensaal und vier Klassenzimmer neu hergerichtet wurden, gelang es, in dem alten Hause die Lehrzimmer beträchtlich zu vergrössern und für die Sammlungen ausreichenden Raum zu gewinnen. Und wie die Klassenräume an sich ein besseres Aussehen erhielten, wurden auch die alten abgenutzten Utensilien darin thunlichst durch neue ersetzt. So bekundete sich überall in der Anstalt die unermüdliche Fürsorge einer umsichtigen zielbewussten Leitung. Bernhardts Verdienste blieben denn auch nicht ohne Anerkennung. Im Herbst 1883 ward ihm der Rote Adlerorden verliehen, und erst im vorigen Jahre noch ernannte ihn die philosophische Fakultät der Universität Marburg zum Ehrendoktor. Da- zu war es ihm vergönnt, im August 1890 das 350jährige Bestehen unseres Gymnasiums zu feiern und bei dieser Gelegenheit zahlreiche Beweise dankbarer Gesinnung und treuer Anhänglichkeit zu erhalten. Wer ihn damals gesehen, wie er mit erstaunlicher Frische und Ausdauer sich den keineswegs leichten Repräsentationspflichten unterzog, hätte gewiss nicht gedacht, dass dieses reiche Leben so bald zum Abschluss gelangen werde. Wohl waren die Tage seines Wirkens an dieser Anstalt gezählt, auch wenn der Tod ihm lüngere Frist gelassen. Noch kurze Zeit, und er hätte auf eine 50 jährige Lehrthätigkeit zurück- plicken können. Dann gedachte er wohl selbst des Amtes Bürde jüngeren Schultern zu


