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So sehr ihn auch die Berufung ehrte, er trennte sich doch nur ungern von den ihm vertrauten heimischen Verhältnissen.„Ich verhehle Ihnen nicht“— sagte er in seiner Verdener Antrittsrede—„dass ich mit schwerem Herzen aus den Verhältnissen, in denen ich bisher gelebt, geschieden bin; dass ich mit Wehmut zurückdenke an die Stadt und Gegend, an die sich die schönsten Erinnerungen meines Lebens knüpfen, an die Anstalt und den Kreis von Männern, in dem ich länger als 25 Jahre gewirkt habe. Es waren die Jahre des Lebens, in denen man sich den besten Teil seines geistigen Besitzes er- wirbt und in vollster Kraft thätig ist, Jahre ferner von entscheidendster Bedeutung für unser öffentliches Leben, voll der gewaltigsten Bewegungen, die ich in ihrer vielfachen Rückwirkung auf die dortigen Verhältnisse mitdurchlebte. Die grossen Fragen der Zeit wurden mit Gleichgesinnten durchdacht und durchsprochen, und unter diesen Eindrücken und Einflüssen haben sich die Grundanschauungen, die mein geistiges Leben beherrschen, die Grundsätze, nach denen ich wandle und wirke, gebildet und befestigt... Wenn Sie das Alles bedenken, brauche ich nichts von Familienbanden, von häuslichen Freuden und Leiden hinzuzufügen, um Ihnen begreiflich zu machen, dass ich nur mit tiefem Schmerze mich losreissen konnte, um in die unbekannte Ferne zu ziehen.“
Die neue Stellung war nicht ohne Schwierigkeiten, aber Bernhardt zeigte sich ihnen gewachsen; mit fester Hand ergriff er die Zügel und setzte sein bestes Können ein, überall Wandel zu schaffen, wo es im Interesse der Anstalt geboten schien. Wiederholte Ausschreitungen gleich im Anfang seiner Amtsführung lenkten sein Augenmerk auf die Notwendigkeit einer strengeren Handhabung der Disciplin. Zu dem Zwecke wurden die Schulgesetze einer Revision unterzogen und Ubertretungen der Schüler aufs entschiedenste geahndet. Auch auf anderen Gebieten griff er bessernd und fördernd ein. So wurden die dem ÜUnterricht keineswegs zuträglichen Kombinationen thunlichst beseitigt, die Ver- setzungen während des Schuljahrs nur noch in Ausnahmefällen gestattet. Auch die Ver- grösserung der Bibliothek liess er sich angelegen sein und crwirkte dafür einen zwei- maligen ausserordentlichen Zuschuss von je 300 Thalern. Ebenso erfuhren die übrigen Lebrmittel durch besondere Zuwendungen eine wesentliche Bereicherung. Dafür hatte er dann auch die Freude, im November 1872 die Anstalt aus den engen, unzureichenden Räumen, die sie bislang innegehabt, in ihr neues stattliches Heim überführen zu dürfen.
Fast vier Jahre waren seit Übernahme des Direktorats verflossen, und des Erreich- ten froh konnte er leichteren Herzens der Zukunft entgegensechen— da regte die Nach- richt, der langjährige Leiter des hiesigen Gymnasiums, Oberschulrat Dr. Schmitt, wolle von seinem Amte zurücktreten, die Sehnsucht nach seiner nassauischen Heimat wieder mächtig in ihm auf, und dieser Drang erwies sich stärker als das Behagen am Erreichten: Bernhardt bewarb sich um die Stelle, und am 26. Oktober 1875 trat er sein neues Amt an. Damit kehrte er zurück in die Räume, in denen er einst als Schüler gesessen, an die Stätte, wo er vor einem Menschenalter schon einmal für kurze Zeit seinem Berufe obgelegen; er trat damit an die Spitze eines Kollegiums, von dem einige wie Krebs und Schenck noch seine Lehrer, andere wie Stoll und Ebhardt seine Mitschüler und nachher seine Kollegen in Wiesbaden gewesen waren. Bei ihrem hohen Alter konnten die beiden erstgenannten freilich nicht mehr lange seine Mitarbeiter bleiben. So schied bereits Ostern 1876 Krebs, im Herbst desselben Jahres Schenck aus dem Amte. Da gleich im ersten Jahre noch weitere Veräaderungen im Lehrerkollegium stattfanden, mussten die Stunden


