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vertrauen und im Kreise der Seinen sich der heiteren Ruhe des Alters zu freuen. Sie war ihm nicht beschieden. Mitten aus seinem Schaffen heraus ward er aufs Kranken- lager geworfen, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Schon nach 14 Tagen er- lag er in der Frühe des 6. Februar einem Lungenleiden, und mit der schwerbetroffenen Familie und allen, die ihm im Leben nahegestanden, betrauerte seinen Hingang aufs tiefste die Anstalt, der er länger als 17 Jahre ein treuer Hüter gewesen ist.
Bernhardt war ein Mann, der mit seltener pädagogischer Befähigung und um- fassendem Wissen eine aufopfernde Hingebung an seinen Beruf vereinigte. Aus diesem Zusammenwirken erklärt sich das überaus Anregende und Fruchtbringende seines Unter- richts. Er war ein unübertrefflicher Meister in der Interpretation der klassischen Schrift- werke, von denen ihm die Pflege Homers ganz besonders am Herzen lag. Und weil er selbst von seinem Gegenstand begeistert war, riss er auch die Klasse mit sich fort. Aber trotz aller Begeisterung für die klassischen Studien lag es ihm doch völlig fern, die Be- deutung anderer Unterrichtszweige deshalb in einseitiger Befangenheit gering anzuschlagen. Zu schriftstellerischer Thätigkeit ist er nur wenig gekommen; das Werk der Jugender- ziehung liess ihm keine Zeit zu ausgedehnteren Publikationen.*) Und wie er sich selbst voll und ganz in den Dienst der Schule stellte, verlangte er auch von den Schülern, dass sie in der Erfüllung ihrer Obliegenheiten stets nach bestem Vermögen zu Werke gingen. So hat er bis zuletzt auf dem Posten gestanden, unablässig bemüht, das Wohl dieser An- stalt zu fördern— ein leuchtendes Vorbild treuester Pflichterfüllung, ein Mann, dessen Verdienst in den Herzen seiner Schüler, im Gedächtnis unseres Gymnasiums unvergäng- lich fortleben wird.
*) Im Druck sind von ihm erschienen:
1. Begriff und Grundform der griechischen Periode(Wiesb. Gymn. Progr. 1854).
2. Griechische Etymologien(Wiesb. Gymn. Progr. 1862).
3. Beitrag zur Homerkritik(Verden, Progr. 1873).
4. Antrittsrede in Verden(Verden, Progr. 1872, S. 19 ff.).
5. Rede zur Einweihung des neuen Schulgebäudes(Verden, Progr. 1873, S. 8 ff.).
6. Nekrolog des Professors A. Schenck 7
7. Verzeichnis der in der Gymnasialbibliothek vorhandenen alten Drucke(Weild. Progr. 1878).
8. Nachrichten über das Leben des Joh. Phil. Krebs und seines Sohnes Rudolf Krebs(Weilb. Progr. 1882). 9. Festschrift zur Feier des 350 jährigen Bestehens der Anstalt(Wiesb. 1890).
10. Festrede bei genannter Feier(Weilb. Progr. 1891, S. 21 ff.).


