Chriſtian Wirth(1826—1895).*)
Am 21. Dezember 1826 wurde Chriſtian Friedrich Wirth, der Mann, nach dem die Aufbauſchule zu Uſingen ihren Namen trägt, zu Neesbach, Amt Limburg, geboren. Er ſtammt mütterlicherſeits aus einem tüchtigen Bauern⸗ geſchlecht. Der Vater wirkte als Tierarzt, zuletzt in Kirberg; er ſtarb ſchon in jungen Jahren. Seine Witwe fand mit ihren vier unmündigen Kindern eine nene Hennat in Uſingen, wo ſie in zweiter Ehe den Bäckermeiſter Schaar heiratete.
Chriſtian Wirth beſuchte die Uſinger Realſchule(altnaſſauiſcher Ordnung). Petry, ein Schüler Peſtalozzis, war hier ſein Lehrer; Karl Schweighöfer und Fritz Born, die ſpäteren naſſauiſchen Landtagsabgeordneten, gehörten ſeit die⸗ ſer Zeit zu ſeinen beſten Freunden. Nach ſeiner Schulentlaſſung mußte der junge Chriſtian ſich ſchon früh als„Schreiber“ auf dem Amtsgerichte ſein Brot verdienen, da die zuſammengeſchmolzenen Mittel der Mutter eine höhere Aus⸗ bildung nicht erlaubten. Sein Streben ging aber weiter; er war in Schule und Konfirmandenſtunde ſtändig wegen ſeines Verſtandes, ſeines Fleißes und ſeiner Wißbegierde aufgefallen; Dekan Schellenberg nahm ſich daher des geweckten. Jünglings an und führte ihn in den Gymnaſialwiſſenſchaften in ernſter Arbeit neben dem Schreiberberuf weiter, mit dem Erfolge, daß der junge„Skribent“ in Weilburg das Gymnaſial⸗Abgangsexamen beſtand, das ihm den Zugang zur Univerſität öffnete.
Chriſtian Wirth war bei all der angeſtrengten Berufstätigkeit und dieſer Nebenarbeit nie ein Kopfhänger und Stubenhocker. Als der„Uſinger Turn⸗ verein“ 1846 als einer der erſten im Naſſauer Land ins Leben trat, da gehörte auch Wirth zu ſeinen erſten und ſeinen eifrigſten Mitgliedern. Die politiſche Richtung, die damals in den naſſauiſchen Städtchen herrſchte, kam dem jugend⸗ lichen Sinne, der begeiſterten Liebe für Vaterland und Freiheit, entgegen und hatte auch ihn mächtig erfaßt, wie ſeine Jugendfreunde.
Es galt für ihn aber auch, nun weiterzuarbeiten und die Hochſchulbildung ſich zu erwerben. Durch Stipendien, gute Freunde, fleißige Nebenarbeit wurde es ihm möglich, auf den Univerſitäten Gießen und Marburg Jurisprudenz zu ſtudieren. 1853 beſtand er die erſte Prüfung in den„Rechts⸗ und Staatswiſ⸗ ſenſchaften“. Nach zwei Jahren erhielt er dann ſeine erſte ſtaatliche Anſtellung als Acceſſiſt(Referendar) an der Rezeptur(Steuereinnehmerei) zu Uſingen und noch in demſelben Jahr am Uſinger Amtsgericht, darauf bei der Naſſau⸗ iſchen Landesbank in Wiesbaden. 1858 legte er die zweite juriſtiſche Prüfung ab, und nun ging es in ſeiner beruflichen Laufbahn ſchnell voran. Er wurde Amtsrichter in Homburg, trat aber ſchon 1860 als Sekretär, dann als Aſſeſſor in die Naſſauiſche Landesbank⸗Direktion ein, nahm darauf ſeine endgültige Entlaſſung aus dem Juſtizdienſte und wurde zweites Direktionsmitglied der Landesbank, die 1870 ihm als 1. Landesbank⸗Direktor unterſtellt wurde. 1872 wählte der Kommunal⸗Landtag ihn einſtimmig zum„Landes⸗Direktor“, Lan⸗ deshauptmann, und damit zum Chef der ganzen kommunalſtändiſchen Verwal⸗ tung. Das war für den ehemaligen„Schreiber“ ein verhältnismäßig raſcher und glänzender Aufſtieg.
Als Haupt des naſſauiſchen Kommunalverbandes hat Wirth mit tiefem Verſtändnis und großem Geſchick die Anpaſſung der kommunalſtändiſchen Ein⸗ richtungen an die Forderungen der Zeit durchgeführt. Er war ein alter Naſ⸗ ſauer, aber als guter Deutſcher mit der Neuordnung der Verhältniſſe innerlich ausgeſöhnt und als naſſauiſcher„Fortſchrittler“ für Fortſchritt und vor allen Dingen nach dem Zuge der Zeit für organiſierte Selbſthilfe tätig. Daher wid⸗
* Guellen: Eigene Erinnerungen, Nekrologe und perſöuliche Mitteilungen von Jrau Seminaroberlehrer L. Franke, geb. Schweighöfer, deren Familie mit der Familie Wirth ſehr befreundet war. 4
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