Jahrgang 
1872
Einzelbild herunterladen

24

Im 4. Abschnitte sind einerseits die Anforderungen in formeller Beziehung grösser, da ein höherer Grad von Befähigung im chemischen Denken vorausgesetzt werden darf, anderseits aber treten die theoreti- schen Betrachtungen mehr in den Vordergrund. Beides hat zur Folge, dass die theoretische Oede, welche der dritte Abschnitt hinterlässt, einer lebendigen und üppigen Entwicklung der chemischen Speculation Platz macht, die empirischen Formeln werden zu klaren mathematischen Ge- setzen und eröffnen einen klaren Blick in den Molecularbau der Kör- per, man sieht, dass sich am besten und sichersten die möglichen Reactionen(als specielle Fälle der allgemeinen Symbole) ableiten und im Vorhinein ablesen lassen. So öffnet dieser Abschnitt, der gleich- zeitig eine Fülle neuer Thatsachen mit sich bringt die Thore einer bisher unbekannten Anschauungsweise der chemischen Vorgänge und bereitet den Schüler für spätere wissenschaftliche Betrachtungen in passender Weise vor.

Die letzte Gruppe(Wasserstoffverbindungen) ist weniger durch die Anzahl der Glieder als durch das Interesse, welches sich an jedes ein- zelne knüpft, charakterisirt. Die Betrachtungen an Chlorwasserstoff, Wasser, Schwefelwasserstoff, Amoniak, Sumpfgas, Leuchtgas ergeben in materieller Hinsicht eine Bereicherung des Unterrichtsstoffes, und geben Veranlassung zu einigen sehr wichtigen praktischen Excursen (Gasfabrikation, Beleuchtung, Heizung u. s. w.) mehr, wie jeder der vorigen Abschnitte.

Die Theorie gewinnt in diesem Abschnitte die Einsicht in die für moderne Chemie so bedeutungsvollen volumetrischen Verhältnisse, und das Gesetz über die gleiche Moleculargrösse der ausdehnsam flüssigen Körper.

Soll also die Chemie den Anforderungen eines methodischen Un- terrichtes allseitig gerecht werden, mit einem Worte: soll die Chemie gleich den übrigen Naturwissenschaften als formal bildendes Element in den Bereich der Volks- und Mittelschule gezogen werden, so wären daran, dem Vorangehenden entsprechend, folgende Bedingungen ge- knüpft: 2

1. Der chemische Unterricht bildet ein zusammenhängendes ein- heitliches Ganze, und die Reactionen, nicht die Elemente, bilden den leitenden Faden; man wird finden, dass damit ein wahrer metho- discher Gewinn verknüpft ist; denn man erhält auf diese Weise Gele- genheit, jedesmal, wenn ein bereits bekannter Körper wieder vom neuen auftritt, die schon erkannten Eigenschaften wieder ins Gedächtniss zu- rückzurufen.

1