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Das Leben der Organismen ist ein nach bestimmten Gesetzen ge- ordneter Wechsel zahlloser chemischer Vorgänge, nicht minder ist die Beteiligung des Chemismus an der Umgestaltung der Erdrinde, die Verrichtungen im Kreise des häuslichen Lebens sind zum Teil chemi- scher Natur; es sind chemische Vorgänge, durch welche wir uns Licht und Wärme schaffen, endlich spielt in der Industrie die Chemie eine wichtige Rolle, und man sollte hiernach meinen, dass der Anschauung auf chemischem Gebiete mindestens ein ebenso reiches Material zu Ge- bote stehe, als auf physikalischem; man sollte meinen, das Leben biete Material genug, um dem künftigen chemischen Unterricht in ähnlicher Weise vorzuarbeiten, wie in anderen Gebieten der Naturwissenschaft.— Und dennoch besteht zwischen diesen und jenen Anschauungen ein tief einschneidender Unterschied.
Jede physikalische Anschauung und Beobachtung führt direct zur Erkenntniss physikalischer Gesetze, deren Existenz bei dem Kinde schon zu vollwichtigem Eigentum des Bewusstseins geworden ist. Die Beobach- tung der oben erwähnten chemischen Vorgänge, geben von dem Wesen der beobachteten Erscheinung nicht die mindeste Anschauung, und der jugendliche Beobachter gewinnt durch das, was er sieht, gar keine Klarheit darüber, was sich vor seinen Augen eigentlich abwickelt. Die Flamme z. B. hat für ihn ein Interesse durch das Licht und die Wärme, er sieht ferner, dass sie kleiner wird, der Docht sich schwärzt u. s. w., was aber aus dem Material der Kerze oder anderen Brenn- stoffes wird, wie die Flamme entsteht, woher die Wärme rührt, wo der Docht hinkömmt, das sagt die Anschauung nicht. Und tausende von ähnlichen Anschauungen, unzweifelhaft chemischer Natur, was sind sie für den Beobachter anderes als physikalische Erscheinungen, Verän- derung des Aggregationszustandes, der Grösse, Form, Farbe u. drgl. 2 Die chemischen Processe, welche diesen physikalischen Veränderungen zu Grunde liegen, bleiben dem Blicke völlig verschlossen. Darf es daher Wunder nehmen, wenn der Lehrer, bei Beginn seines chemischen Unterrichtes„tabula rasa“ findet. Es ist durchaus natürlich, dass die Schule auf einem Gebiete, welches sie erst zu erschliessen hat, viel weniger leisten kann, als da, wo sie Mitgebrachtes zu ordnen, befesti- gen und zu vervollständigen hat.—
Aber auch äusserliche Hemmungen sind es, die dem Prospe- riren des chemischen Unterrichtes sich entgegenstellen.
Die Schulbücher sind fast ohne Ausnahme den grösseren Lehr- büchern nachgebildet; eine Verarbeitung des chemischen Lehrstoffes nach pädagogischen Grundsätzen ist bis jetzt kaum versucht worden.


