18 schliessen. Sie bleibt nach wie vor dem Gymnasiasten eine„terra in- cognita“, und wenn man noch länger an der Ansicht festhält, dass es einem in formaler Hinsicht trefflich geschulten Geiste immer gelingen werde, den versäumten Elementarunterricht nachzuholen, ist es ein Irr- tum, dessen nachteilige Folgen schon seit längerer Zeit Jene empfinden, die sich den medicinischen Studien widmen.
Bei dem Eingreifen der chemischen Processe in alle Lebenser- scheinungen des gesunden und kranken Organismus wird es den Me- dicinern von Jahr zu Jahr mehr und mehr unmöglich, den gesteigerten Anforderungen in ihrem Fachstudium gerecht zu werden, wenn nicht in geeigneter Weise Abhilfe geboten wird durch eine zweckentsprechende Berücksichtigung der Chemie im Lehrplan der Gymnasien und wo möglich auch der Volksschulen.
Wenn aber an die Schule die Aufgabe herantritt, ihren Zöglingen in materieller Hinsicht jenen Grad der wissenschaftlichen Vorbildung zu geben, welcher der vorgeschrittenen Culturentwicklung entspricht, so erwächst anderseits der Schule durch grössere Berücksichtigung der Chemie ein nicht zu unterschätzender Gewinn. Für die formelle Aus- bildung des Geistes, da jene Wissenschaft in ihrer Eigenartigkeit ein ergiebiges Feld von Bildungsmitteln erschliesst, sobald es nur gehörig bebaut wird.
Der Grund, warum gerade die Chemie bei der Organisation der Schule auf so heftigen Widerstand gestossen, ist zumeist ein innerer, in der Sache selbst liegender.— Jede, und besonders die Naturwissen- schaft hat als erste Grundbedingung des Wissens„die Anschauung und die Beobachtung.“ In dieser Beziehung ist die Chemie unter allen Unterrichtszweigen am mangelhaftesten bestellt; denn während die Erfahrungen des täglichen Lebens, die Umschau in der Natur, der Umgang mit Menschen in dem Knaben schon frühzeitig Vorstellungen aller Art wecken, die zu dem, was die Schule später zu bearbeiten hat, als willkommene Grundlage dienen, geht die Chemie in dieser Hin- sicht ganz leer aus. Kein einziger Gegenstand, den die Schule in den Bereich des Unterrichtes gezogen hat, findet den Schiler selbst auf der ersten Stufe ganz unvorbereitet, ja es wird ein mitunter grosser Teil des zu verarbeitenden Materials durch sinnliche und geistige Wahr- nehmung vor und während der Schule gesammelt, ohne dass der Schü- ler im übrigen etwas beizutragen hat; die Chemie aber ist dem gegen- über ganz anders gestellt, und es darf uns nicht Wunder nehmen, dass der Unterricht noch nicht diejenige Bahn gefunden hat, auf der auch dieses Gebiet des menschlichen Wissens in der Schule mit Vorteil bearbeitet werden kann.


