Jahrgang 
1872
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Die Chemie als formal bildendes Element an Volks- und Mittelschulen.

Eime leider nur zu wahre Thatsache ist es, dass die Schule insofern dieselbe ein zusammenhängendes Ganze bildet der Chemie weitaus nicht jenen Wirkungskreis eröffnet hat, welcher ihr als Mittel zur formalen Ausbildung der Verstandesthätigkeit gebührt, vielmehr dort, wo sie überhaupt ein Lehrobject bildet, ein blos materielles Ziel verfolgt.

Die Volksschule schliesst den chemischen Unterricht gänzlich aus, wahrscheinlich der Ansicht huldigend, dass es entweder unnöthig oder unmöglich(oder gar beides) sei, die jungen Sprösslinge des Volkes auch nur mit den wichtigsten Grundlehren der Chemie betraut zu machen, ohne zu bedenken, dass später einem guten Teil der Bevölkerung die Einsicht in die wichtigsten Fragen des täglichen Lebens verschlossen bleibt, dass ferner ein mächtiger Hebelsarm für die allgemeine Bildung lahm gelegt wird. 7

An höheren Bürger- und Realschulen hat die Chemie allerdings eine den übrigen Naturwissenschaften ebenbürtige Stätte gefunden, allein, wie wenig Gewicht man dabei derselben als Vorbereitungsstudium für die eigentliche Fachbildung an technischen Schulen legt, beweist der Umstand, dass die Zeit nicht sehr fern hinter uns liegt, wo höchst achtungswerthe und gewichtige Stimmen noch behaupteten, für das Studium der Chemie sei die humanistische Vorbildung, wie sie Gymna- sien bieten, weit erspriesslicher, und wenn der absolvirte Gymnasiast auf der Universität beim Beginn der chemischen Fachstudien auf momen- tane Schwierigkeiten stosse, mache derselbe endlich doch raschere Fort- schritte und finde sich leichter in den Geist der Wissenschaft hinein, als jener, welcher auf realistischen Lehranstalten seine Vorbildung ge- nossen, und von dorther sogar einige Kenntnisse aus der Chemie mit- brachte.

Bei solcher Auffassung kann es nicht Wunder nehmen, wenn die Gymnasien die Chemie als abgesondertes Lehrfach gänzlich aus-

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