Jahrgang 
1905
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sei für seine eigene Arbeit und Leistung, so müssen wir in Schiller und Goethe, denen nicht mit Unrecht eine gewisse Gleichgiltigkeit gegen die politischen Leiden ihrer Zeit nachgesagt wird, dennoch auch die erfolgreichsten Vorarbeiter für das Einigungswerk des Fürsten Bismarck verehren.

Ein besonders intimes Verhältnis aber hat unser Dichter von jeher gehabt zur deutschen Jugend. Er ist, wenn wir die religiöse Erziehung hier beseite lassen, seit einem Jahrhundert, ihr grösster Lehrer gewesen, und wir wollen hoffen, er wird es auch bleiben. Kein Kind verlässt die Volksschule, ohne doch einmal in der Seele berührt worden zu sein von dem Flügelschlag seines Geistes, und vollends auf den höheren Schulen erquickten und erquicken sich, wenn der deutende Lehrer nur nicht ganz ein Stümper ist, Jahr um Jahr alle heran- wachsenden Geschlechter an der Macht und Glut seiner Dichtung und seiner vorbildlichen Persönlichkeit. Alles in allem, wir haben seit Luther keinen gehabt, der das alte kostbare Erbe des deutschen Idealismus treuer gehütet und reichlicher gemehrt hätte als er. Aller Idealismus aber wirkt lebenfördernd, aller Pessimismus lebenzerstörend. Nur in jenem Zeichen dürfen wir hoffen, ein grosses Volk zu bleiben und ein noch grösseres zu werden.

Wieder rüsten wir uns, einen Schillertag zu begehen in gutgemeinter Erfüllung des Mahnwortes, das Goethe einst bei der Totenfeier seines Freundes sprach:

Auch manche Geister, die mit ihm gerungen, Sein gross Verdienst unwillig anerkannt,

Sie fühlen sich von seiner Kraft durchdrungen, In seinem Kreise willig festgebannt:

Zum Höchsten hat er sich emporgeschwungen, Mit allem, was wir schätzen, eng verwandt.

So feiert ihn! Denn, was dem Mann das Leben Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben.

Und in der Tat, nicht bloss der flüchtige Rausch des nahenden Festes, auch manches tiefere Anzeichen lässt glauben, dass der bessere Teil unseres Volkes sich wieder ernstlicher darauf besinnt, was es diesem Geisterkönig schuldig ist an Dank und an Nachfolge. Aber ich äussere ein Bedenken, ob die zumeist hervortretenden Formen der Feier nun wohl auch die richtigen sind. Es werden jetzt Bücher über Bücher herausgegeben, die von seiner Person und seinem Werke handeln, darunter nur sehr wenige von grösserem Wert, und der buch- händlerischen Geschäftigkeit kommt vielerorten die Neigung der Behörden entgegen, die massen- hafte Verbreitung dieser dürftigen Gelegenheitsschriften im Volk und unter der Jugend zu begünstigen. Ist das nun das Rechte? Wer mag abgeleitetes, schaleres Wasser trinken, da er doch aus der nahen frischen Quelle so bequem schöpfen kann? Unser toter Dichter bedarf im sicheren Besitz seiner Unsterblichkeit wahrlich keiner Feier mehr, es müsste denn die sein, dass er mit seinem Leben und Streben fruchtbar fortwirkt in empfänglichen Herzen. Zu dem Ende aber will er selber gekannt und gewürdigt, gelesen und wiedergelesen werden, und er müsste kein Dichter sein, wenn er nicht selber am anschaulichsten und kräftigsten zu sagen wüsste, was er zu sagen hat, wenn er nicht selber sein bester Interpret wäre. Gegen diese Selbstzeugnisse in seinen eigenen Werken ist doch alles fremde Reden über ihn nur von matter Wirkung. Ich habe den Eindruck, dass wir auch bei diesem Anlass wieder vielfach in den seltsamen Geschmacksfehler verfallen, den Lessing einst bei der allgemeinen oberflächlichen Schwärmerei für Klopstock verspottete:

Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein!

Wir wollen weniger erhoben

Und fleissiger gelesen sein.