Jahrgang 
1860
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7) Giftiger Groll: giftig iſt was Gift(das Verderbende) in ſich enthält, alſo ein Groll, der die Vernichtung deſſen zum Ziele hat, gegen den er entbrannt iſt.

8) Dem längſt von böſer Schadenluſt die ſchwarze Seele ſchwoll. Die ſchwarze Seele: ſchwarz, von der Denkungsart= bös, tückiſch, oder noch allgemeiner(als Gegenſatz von weiß= unſchuldig) voller. Sünde, Schuld, iſt eine in den alten Sprachen häufig vorkommende Metapher. Aehnlich unſerem Aus⸗ druck ſagt Sophocles im Aiax 954:*Aαeη⁵³σμσαν mϑυιμνs εςσν⁵οite, er frevelt ſeine ſchwarze Seele gegen uns aus, wo«e.ιυαοεη noch maleriſcher als unſer ſchwarz heißt: ſchwarz von Antlitz, ſchwarz von Anſehn.

9) Und trat zum Grafen, raſch zur That, und offen des Verführers Rath: Die Ausdrucksweiſe hat wegen der Beziehung der Attribute etwas Hartes; der Sinn iſt klar: er trat zum Grafen, einem Manne, der raſch zur That war und ein offenes Ohr für den Rath des Verführers hatte. In den Kranichen des Ibyecus ſiebente Strophe: Der nackte Leichnam wird gefunden

Und bald, obgleich entſtellt von Wunden,

Erkennt der Gaſtfreund in Korinth

Die Züge, die ihm theuer ſind. bezieht ſich das Attributentſtellt von Wunden auf das Object die Züge. Schiller hat ſich überhaupt eine größere Freiheit in der Stellung des Attributs erlaubt.

10) Euch raubet nicht den gold'nen Schlaf des Zweifels gift'ger Zahn: das den Menſchen ewig beunruhigende, aufreibende, verzehrende Mißtrauen iſt der giftige Zahn des Zweifels.

Goldner Schlaf: golden gebrauchen die Dichter zur Bezeichnung des Trefflichen, Herrlichen, Vor⸗ züglichen, Koſtbaren, und Schlaf als Bezeichnung der(unſchuldsvollen) Sicherheit und Ruhe; vergl. Gra⸗ fen von Habsburg: ſüßer Wohllaut ſchläft in der Saiten Gold.

11) Die fromme Treue zu berücken: berücken bedeutet urſprünglich Strick, Schlinge, Netz über Jemand rücken; die Jäger bedienen ſich beim Lerchen- und Schnepfenfang ſogenannter Ruckleinen, d. i. Garne, Schlingen, die gerückt werden: dann im Allgemeinen überliſten, einen durch falſchen Schein hinter⸗ gehen, der nicht genug auf ſeiner Hut iſt, nichts Arges ahnt: daher die fromme Treue zu berücken.

12) Da rollt der Graf die finſtern Brau'n: Augbraun, Augbraune, Braun, Braune, Augenbraune ſind ſämmtlich richtige Formen. Daß die Augbrauen von Alters her nicht nur ein weſentlicher Beſtandtheil der Schönheit, ſondern auch in ihrer Regſamkeit zeichenhaft und bedeutungsvoll waren, iſt eine bekannte Sache, man braucht nur an das Homeriſche er d9u, veos KOoic, an den Olympiſchen Jupiter des Phidias, an Horazens cuncta supercilio moventis zu erinnern. Dies Aufziehen oder Rollen der Aug⸗ brauen drückt Ernſt und Zorn aus, um es plaſtiſcher zu bezeichnen iſt hinzugefügt: Die finſtern, in proleptiſcher Weiſe d. h. das die Wirkung bezeichnende Adjectiv wird als oder im Attribut vorweggenommen, hier der Graf rollt die Brauen, ſo daß ſein Geſicht den Ausdruck des Finſtern hat. Dieſelbe Figur in Hero und Leander:

Aber ihnen ſchloß auf ewig Hekate den ſtummen Mund.

13) Beweglich wie die Well': Die Abkürzung, am Ende ſtehend, enthält einige Härte. Welle als Sinnbild der Beweglichkeit, Unbeſtändigkeit, Unzuverläſſigkeit, iſt häufig wie z. B. in Hero und Leander an mehreren Stellen; vgl. im Ring des Polykrates:

Bedenk', auf ungetreuen Wellen Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.

14) Erhebt der Wünſche Lüſternheit: Eine dichteriſche, beſonders unſerm Schiller eigenthümliche Ausdrucksweiſe iſt es, das Attribut zum Subſtantiv, und ſomit zum Subject zu erheben, und nun natürlich das wirkliche Subject von dem neuen Subject abhängig zu machen und in den Genitiv zu ſetzen, wie z. B. ſie zwingt jetzt deines Scepters Macht, oder ſchwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.

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