Jahrgang 
1890
Einzelbild herunterladen

8

4. Zur Geſchichte der Anſtalt.

Das Schuljahr brachte folgende Perſonalveränderungen.

Durch Dekret Sr. Kgl. Hoheit vom 30. März wurde der bisherige Direktor, Dr. Auguſt Freiherr von Gall, zum Direktor der ſeit Oſtern vom Realgymnaſium getrennten Realſchule zu Darmſtadt mit Wirkung vom 16. April ernannt, zu ſeinem Nachfolger der Unterzeichnete, Dr. Otto Schneider, ſeit 1879 Direktor der Realſchule zu Bingen,(Dekret vom 27. April); ferner durch Dekret vom gleichen Tage der Gr. Reallehrer Dr. Wilhelm Bremme zum Lehrer an der Realſchule zu Alzey und der dortige Gr. Reallehrer Dr. Erich Langsdorff zu ſeinem Nachfolger; dann wurden durch Verfügung vom 23. bezw. 27. April die proviſoriſchen Reallehrer Johannes Götz von Wimpfen an unſere Anſtalt und Dr. Otto Dittmar von hier an die Realſchule zu Darmſtadt verſetzt; endlich der prov. Reallehrer Dr. Johannes Ledroit durch Dekret vom 4. September zum Lehrer an der neu errichteten höheren Mädchen⸗ ſchule zu Mainz mit Wirkung vom 1. Oktober ernannt und durch Verfügung vom 23. September dem Gymnaſial⸗ und Reallehramts⸗Acceſſiſten Dr. Peter Dittmar die Verwaltung einer Lehrer⸗ ſtelle hier übertragen.

Da die Geſundheit des unterzeichneten Direktors ſchon ſeit Dezember 1888 ſtark angegriffen war, wurde ihm durch Verfügung vom 23. April Urlaub für ein halbes Jahr bewilligt und der Gymnaſial⸗ und Reallehramts⸗Acceſſiſt Dr. Otto Dieffenbach mit Aushülfeleiſtung an der hieſigen Anſtalt beauftragt(bis zum 17. Auguſt).

Der unterzeichnete Direktor glaubte jedoch, von Ende Juni ab ſeinen Dienſt wenigſtens teilweiſe wieder übernehmen zu können, und wurde am 24. Juni von dem Vertreter der vor⸗ geſetzten Behörde in die hieſige Stelle eingeführt.

DieLandskrone berichtet darüber wie folgt:

Heute fand in Anweſenheit des Großh. Kreisrates und der Gemeindevertretung ſowie des evang. und kath. Pfarrers(beide ſind zugleich Religionslehrer) die Einführung des Herrn Realſchul⸗Direktors Dr. Schneider durch den Vertreter Gr. Miniſteriums, Herrn Oberſchulrat Soldan ſtatt. Nachdem die Schüler zur Eröffnung der(im Rathausſaale ſtattfindenden) Feier einen Geſang vorgetragen, führte der Gr. Oberſchulrat den neuen Direktor in die Oppenheimer Stelle ein unter dem Hinweiſe, die Gr. Regierung ſei überzeugt, daß dieſer im Einvernehmen mit dem Lehrerkollegium die Anſtalt auf ihrer Höhe erhalte und den Schülern ein väterlicher Freund, ſowie ihren Eltern ein treuer Berater ſein werde. Lehrerkollegium und Schüler möchten ebenfalls dem neuen Vorſtande mit vollem Vertrauen entgegenkommen. Darauf begrüßte der dienſtälteſte Lehrer, Herr Knöpfel, den nunmehrigen Vorgeſetzten im Namen des Lehrerkollegs⸗ und verlieh der Freude Ausdruck, daß es dieſem möglich geweſen ſei, den Dienſt vor Ablauf des ganzen Urlaubs anzutreten. Herr Direktor Dr. Schneider erwiderte beide Anſprachen, wie folgt:

Hochgeehrte Vertreter von Staat, Stadt und Kirche, werte Kollegen, liebe Schüler! Indem ich dem Herrn Oberſchulrat und Herrn Kollegen Knöpfel für ihre freundlichen Worte und den geehrten Anweſenden für ihr Erſcheinen bei der Feier meiner Einführung herzlichen Dank ausſpreche, die mir entgegengebrachte kollegialiſche Geſinnung auch vollſtändig erwidere, bitte ich die geehrten Anweſenden, mir ebenfalls einige Augenblicke Gehör zu ſchenken.

Die Stelle eines Direktors iſt weſentlich ein Vertrauenspoſten. Das Vertrauen zu uns ſetzt aber wieder Selbſtvertrauen voraus, die Treue gegen ſich ſelbſt, gegen die bewähyrten Grundſätze der Pädagogik, Gerechtigkeit ohne Anſehen der Perſon, gepaart mit Milde, innere Wahrhaftigkeit.

Wenn ich mit dieſen Anſichten vor Sie trete, hochgeehrte Anweſenden, ſo hoffe ich Ihnen nicht als Fremder zu erſcheinen, insbeſondere nicht dem Lehrerkollegium der hieſigen Anſtalt.

Ich bin vielmehr überzeugt, daß ich denſelben Anſichten begegne, daß ferner wir uns in dem einheitlichen Streben zuſammenfinden, das Wiſſen unſerer Schüler nach den amtlichen Vor⸗ ſchriften zu fördern, dabei aber Maß zu halten in den Anforderungen und Ueberſpannung der Kräfte zu vermeiden, wie uns dies gerade in Heſſen ebenfalls genau zur Pflicht gemacht iſt.

Damit wollen wir das weitere Beſtreben verbinden, uns mit der Erzeugung des Wiſſens und Könnens nicht genügen zu laſſen, ſondern auch ſittlichen und erziehlichen Einfluß auf die Jugend auszuüben und die Herren Religionslehrer in ihren Bemühungen zu unterſtützen und⸗ zu fördern.