— 7— IV. Chronik der Anſtalt.
Am 22. März 87 feierte die Schule im großen Saale des Stadthauſes den 90jährigen Geburtstag Sr. Majeſtät des Kaiſers mit Geſang der Schüler und durch eine an einzelne „goldene Worte“ des greiſen edelen Fürſten anknüpfende Rede des Direktors, die den Schülern die Lebens⸗ und Regierungsgrundſätze des frommen, chriſtlichen Helden vor Augen zu führen ſuchte. Am 26. März ſchloſſen wir das Schuljahr 86/87 mit einer wohlgelungenen, äußerſt zahlreich beſuchten Schlußfeier. Der harmoniſche, durch Mäßigung und Kraft gleich ausgezeichnete Charakter unſeres erhabenen, ehrwürdigen Kaiſers gab dem Direktor Veranlaſſung, in längerer Rede die von den Alten geprieſene Tugend der„Kalokagathia“ den Schülern gerade in unſerer ſo bewegten Zeit als beſonders des Erſtrebens und Erjagens wert und würdig zu em⸗ pfehlen. Zum Schluſſe der Feier wünſchte der Direktor in einer Anſprache an die 14 Abiturienten, daß ein Abglanz der heutigen Feſtfreude ſie als Arbeits⸗ und Opferfreudigkeit durchs Leben geleiten möge.
Am 13. und 14. Juni unternahmen die oberen Klaſſen eine zweitägige Turnfahrt in das Nahethal und auf den Niederwald in Begleitung des Direktors und der Lehrer Bremme, Heil, Knöpfel, Minnich und Obenauer. Mehrere Tage vorher gab der erſtere den Schülern einen Üüberblick über die Geſchichte und Geſchicke des zu durchwandernden Gebietes während der vergangenen Jahrhunderte.— Ein früher Zug brachte uns bei Zeiten nach dem lieblich gelegenen Kreuznach. Von dort erfolgte ohne weiteres der Aufſtieg, vorbei an dem Tempelchen auf dem Kuhberg und dem Rheingrafenſteiner Schlößchen, vorbei an der berühmten, herrlichen Linde auf den faſt ſenkrecht abfallenden Bergrücken der Gans. Umgangen warde die tiefe Spalte, die dieſen gewaltigen Porphyrfelſen von dem hinteren Gipfel trennt, der die Reſte des Rheingrafenſtein, jenes alten Wohnſitzes der Rheingrafen, wie ein an den Felſen geklebtes Schwalbenneſt trägt. Üüberwältigend und doch auch lieblich und entzückend iſt von beiden Punkten der ſchwindelnde Blick in das tiefe, volksreiche Thal, auf die breite, ſteile Felſenwand des jenſeitigen Naheufers und die hoch thronende Ebernburg im nahen Hintergrund. Nach kurzer Raſt in der wildromantiſchen Ruine ging es rüſtig weiter durch das reizende Huttenthal, immer längs dem plätſchernden Bache entlang, im ſchattigſten Waldesdunkel, an ſaftigen Wald⸗ wieſen vorbei, auf denen unbekannte Arten von Blumen uns freudig überraſchten, über kleine Waldblößen, die zum Inſektenfang lockten. Vergebens winkte das lauſchige Plätzchen an der Renzbank zu kurzer Raſt. Immer mehr ſteigt der Weg, immer beſchwerlicher wird bei der glühenden Sonnenhitze in dem lichten Eichenſchlagwald der Gang. Schweißbedeckt ſtreben alle weiter und weiter aufwärts, viele eilen teilnahmlos an den ſchönſten rückwärts blickenden Aus⸗ ſichtspunkten vorbei, um möglichſt ſchnell das Kühle und Schatten verſprechende Ziel zu erreichen. Zwei der Kollegen verzichten ſchon frühe darauf dieſes zu gewinnen und wenden die Söbhritte rückwärts dem im Thale gelegenen Münſter am Stein zu. Freudig wird endlich die Brücke begrüßt, die überraſchend über den tiefen Burggraben in die im Walde verſteckte Altenbaumburg leitet, und zwar in die„Hintere Burg“ der eigentlich aus 3 einzelnen Schlöſſern beſtehenven geräumigen Ruine. In der„Vorderen Burg“ liegt beſcheiden und heimlich eine vorzügliche Wirtſchaft, die uns ganz die erwünſchte Erholung gewährte.— Der Alſenzbahn entlang in freundlichem Flußthal bringt die Staatsſtraße bald an den Fuß des Bergkegels, den die ſtatt⸗ liche Ebernburg krönt. Leicht wird der mäßige Hügel erſtiegen. In den Reſten der 1698 von den Deutſchen vertragsmäßig geſchleiften Burg haben ſich artige Wirtſchaftsräume eingeniſtet, die ein Vorbild des beabſichtigten, in edelem, würdigem Stile gehaltenen Hutten⸗Sickingen⸗Denk⸗ mals und manche Erinnerungszeichen an dieſe großen Männer bewahren. Mehrere Stunden genießen wir die herrliche Rundſicht; dann ziehen wir gegen Abend zurück nach Kreuznach, wo uns ein treffliches Abendeſſen und gute Quartiere erwarten. Doch ſucht keiner die Ruhe auf, ohne die köſtliche Abendkühle in den geſchmackvollen Anlagen des Kurgartens und an den wilden Stromſchnellen der Nahe genoſſen zu haben. Hatte der erſte Tag, namentlich infolge der tropiſchen Hitze, tüchtige Anforderungen an die Ausdauer aller geſtellt, ſo brachte der zweite Tag an Fußleiſtungen eigentlich nur den Auf⸗ und Abſtieg am Niederwald, dafür aber langen,


