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der seelischen Kräfte. Eine allmähliche Klärung wird sichtbar, das Absonderliche wird abge-— streift, das verwirrende Vielerlei immer energischer vereinfacht, immer schärfer zusammen- gefasst. Man sucht und man findet feste Ruhepunkte, von denen aus in einheitlichem Zuge das Ganze sich erfassen und beherrschen lässt. Das innere Gefüge der Seele wird straffer, und so gewinnen auch ihre Erzeugnisse bestimmte, starke Linien, das Ganze kräftig durchsetzende Züge, um die die absichtlich sparsam angebrachten verzierenden Einzelheiten nur als leichtes Geranke sich schlingen.„Grosszügigkeit“ ist die Losung unserer Zeit, und wenn dies Wort auch leider schon stark abgegriffen ist, so ist es doch von einem das Wesentliche herausfühlenden Instinkte geprägt worden. Und gerade die Baukunst, der es anfangs recht schwer fiel, ihren leichtfüssigeren Geschwistern auf den neuen Pfaden zu folgen, die aber jetzt mehr und mehr die Führung zu übernehmen scheint, zeigt als vornehmstes Kennzeichen die Grosszügigkeit in ihren Werken. Zusammenfassen der Teile zu Gruppen, einheitliche Ausbildung und Ver- schmelzung, das Schaffen weithin wirkender Gesamteindrücke, straffe Beziehung der Einzelstücke auf einen stark betonten Mittelpunkt, das alles gibt den baulichen Anlagen eine Wucht monu- mentaler Grösse, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hat. Auch der Bau, in dem wir hier weilen, zeigt diese Eigentümlichkeiten; der machtvolle Eindruck dieser Halle, Sie haben ihn gewiss beim Eintreten alle empfunden, und vom Hofe aus wird wohl jeder fühlen, wie hier die ganze Gruppe der Baulichkeiten zu einem grossartigen Zusammenschluss gebracht ist, der von der Wandelhalle über die Gebäudeflügel hin sich steigert zu dem Hauptbau, aus dem der trotzige Turm emporragt, der wie ein Führer seine Untergebenen beherrscht und die grossen, das Ganze durchlaufenden Züge in sich zusammenfasst.
Es wäre nun aber falsch, wollte man die Eigenart unserer Bauweise einfach nur im Grossen suchen. Die wahre Grosszügigkeit zeigt sich auch im Kleinen; sie entspringt ja einem bestimmten Bedürfnis der Seele, dem Bedürfnis nach innerer Festigung. Deshalb tritt in dieser Periode auch das nach aussen Abweisende auf und das Streben nach Vertiefung und Verinnerlichung. Auch diese Eigentümlichkeiten zeigt unser Bau: liebevoll umschlingen seine Arme den Hof, den Spielplatz der Jugend, als wollten sie diese schützen vor allem Üblen, was von aussen eindringen will. Im Hause selbst aber finden wir das Streben nach Verinnerlichung ausgeprägt in dem Einbauen der Schränke und Sitze in die Wände und dem Verschmelzen zu ruhig wirkenden Gruppen, wodurch behagliche Räume und trauliche Eckchenge schafſen werden, die für sinnende, beschauliche Naturen von entzückendem Reize sind. Nach allen diesen Betrachtungen kehre ich nun zu der vorhin aufgeworfenen Frage zurück: Ist unser Bau ein Ausdruck des Wesens unserer Zeit?— Und die Antwort, sie kann nur lauten: Das, was in unserem tiefsten Innern sich regt, was nach Entfaltung drängt, das haben die Künstler, die diesen Bau geschaffen haben, erfasst und zu starkem Ausdruck gebracht.
Was ist nun die Aufgabe derer, denen ein solcher Bau als die Stätte ihres Wirkens an- vertraut wird?— In seiner Gestaltung liegt die Aufforderung, auch in diesem Wirken gross- zügig zu sein. Unsere Lehrertätigkeit zeigt zwei Seiten, die des Unterrichtens und die des Erziehens. Die Form des Unterrichtens ist natürlicherweise in hohem Grade abhängig von dem Unterrichtsstoff, und an dessen gegebener Beschaffenheit können wir nichts ändern. Allein wir können uns doch bewusst werden, dass auch in den Wissenschaften die Eigenart unserer Zeit zum Durchbruch kommt. In der Mathematik und den mathematischen Naturwissenschaften erhebt man die Forderung des funktionalen Denkens, d. h. es soll darauf der Nachdruck ge- legt werden, zu zeigen, wie bei bestimmter Abänderung einer Grösse die von ihr abhängige Grösse in gesetzmässiger Weise sich ändert und dabei oft Formen annimmt, die nach der ge-


