Jahrgang 
1912
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Das Haus ist einer Sache gewidmet, deren Pflege das Wohl der Gesamtheit wesentlich beeinflusst. An einen solchen Bau aber stellt man mit Recht die Forderung, dass er in seiner äusseren Erscheinung ein Ausdruck der ganzen Kultur seines Zeitalters sei. Es erhebt sich also die Frage: Ist dies der Fall? Um eine Antwort darauf geben zu können, müsste man eine Formel finden, die das Wesen unserer gegenwärtigen Kulturbestrebungen ausdrückt. Dies ist natürlich eine äusserst schwierige Aufgabe, doch fehlt es nicht an Versuchen, in das Innerste der geschichtlichen Be- wegungen einzudringen. Und wenn man alles Ausserliche und Nebensächliche abstreift, so scheint ein regelmässiger Wechsel von zwei einander entgegengesetzten Bewegungsarten übrig zu bleiben, in dem sich die Entwickelung der seelischen Kräfte im Laufe der Zeiten vollzieht. Der Historiker Kurt Breysig nennt dies den Pendelschlag der Géschichte; man kann es auch bezeichnen als die Aufeinanderfolge eines Ausdehnungs- und eines Zusammenfassungsbestrebens. Dem jedesmaligen Zustand der seelischen Kräfte aber entsprechen die Erzeugnisse dieser Kräfte, die Staatsformen, die religiösen Vorstellungen, die Sitten und Rechtsanschauungen Doch sind diese kein reiner Ausdruck jener Perioden der seelischen Entwickelung, weil mehr oder minder mächtige äussere Einflüsse störend in sie hineingreifen. Deutlicher vernehmbar ertönt dieser Pendelschlag schon aus dem Entwickelungsgang der Wissenschaft, am deutlichsten aber lässt ihn der der Kunst durchklingen, weil diese als die freieste Schöpfung der Seele sich am höchsten über die Not des menschlichen Daseins zu erheben vermag. Wenn man nun den Blick auf die zunächst hinter uns liegende Periode der Kunstentwickelung richtet, so muss einem da auffallen die Unruhe, das Auseinanderstreben nach schier unzähligen Richtungen, das Haschen nach diesem und nach jenem Formenkreis, das Probieren und Experimentieren bald mit dieser, bald mit jener Darstellungsart. Immer ein Nach-aussen-Drängen der aus dem Innern hervorquellenden Kräfte, aber ohne, dass eine sichere Stellung gewonnen wird. So sehen wir, wie z. B. in der Malerei zuerst die Forderung des Malens in freier Luft und freiem Licht, en plein air, neue Probleme aufwirft, an deren Lösung eifrig gearbeitet wird, wie dann die weitere Forderung, nur den Eindruck, die Impression, die das Auge hat, wiederzugeben, zu ganz eigenartigen Dar- stellungweisen führt und wie endlich in der neu-impressionistischen Malerei durch nebenein- ander gesetzte farbige Fleckchen und Striche für die Betrachtung aus der Ferne Wirkungen von wunderbarem Reiz erzielt werden. Parallel damit geht die Entwickelung der Dichtkunst, die vom Realismus zum Naturalismus mit seiner peinlichen Detailschilderung übergeht, die die intimsten Regungen und halb oder ganz unbewussten Triebe der Seele aufzuspüren sucht und sich schliesslich erschöpft in einer durchaus impressionistischen Lyrik. Und auch in der Bau- kunst sehen wir eine ähnliche Entwickelung, hier allerdings gedämpft durch den Umstand, dass dem freien Flug der schöpferischen Phantasie gewisse Schranken gesetzt sind durch die Zweck- bestimmung der Gebäude. Aber der allgemeine Charakter des architektonischen Schaffens, das Suchen nach neuen Ausdrucksformen, dasStreben nach eigenartiger Bewältigung der ästhetischen Schwierigkeiten, die sich aus der Anwendung neuer Baustoffe und Konstruktionen ergeben, das Erzielenwollen ungewöhnlicher Eindrücke, exzentrischer Impressionen das alles hat auch hier den seelischen Zustand der Künstlerwelt verraten, dieses Umsichgreifen und Erfassen- wollen aller möglichen Reize. Wir haben diese Periode mit durchlebt, ja wir stehen zum Teil noch darin; aber wenn uns auch jetzt schon vieles, was da geschaffen wurde, nur noch ein Lächeln entlockt, so sollten wir doch nicht mit Missachtung darüber hinweggehen, denn es ist in ihr und durch sie eine ganz erstaunliche Bereicherung der künstlerischen Ausdrucksmittel gewonnen worden.

Je mehr man nun in einer dieser Richtungen bis zum Aussersten vordrang, um so spür- barer wurde die Gegenaktion, das Einsetzen der nach innen sich richtenden Entwickelung