Jahrgang 
1912
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wöhnlichen Betrachtungsweise sehr verschieden von einander sind, nun aber zu einer ganz natiirlichen Gruppe zusammengefasst erscheinen. Sowenn etwa eine Ellipse durchVergrösserun g der einen Achse zum Kreis, durch Verkleinerung dieser Achse zur geraden Linie wird und damit Ellipse, Kreis und Gerade trotz ihres verschiedenen Aussehens sich als Mitglieder einer und derselben Familie entpuppen. Also auch hier Zusammentfassung. Vereinheitlichung, Be- herrschung einer grossen Mannigfaltigkeit von einem Punkte aus, mit einem Worte: Grosszügigkeit. Aber auch in anderen Wissenschaften sieht man tastende Versuche nach dieser Richtung hia, und vor allem ist es die Geschichtswissenschaft, die unter der Führung des schon von mir erwähnten Kurt Breysig und eines Karl Lamprecht die grosszügige Betrachtung der Entwickelung der sozialen Psyche, des Gesamtgeistes einer geschichtlichen Epoche anstrebt. So entspricht es unserer Zeit, dass man auch im ÜUnterricht die Einzelheiten und speziellen Dinge zwar keineswegs missachtet, aber doch immer die Jugend dazu hinleitet, sich im Erheben zu einem höheren Standpunkt und im Erfassen der grossen Richtlinien zu üben. Ebenso wichtig wie die unterrichtende ist die erziehende Seite unseres Berufs, die Gemüts- und Willensbildung der Jugend. Wie sollen wir hierin dem Zuge der Zeit entsprechen? Nun, auch da sollen wir grosszügig sein; der werdende Mensch soll im Innersten seines Wesens erfasst, sein Wille stark gemacht werden, damit er sich rein und gross entfalte undisein Gemüt mit dem Schwung er- fülle, der ihn zu edlen Taten zu begeistern vermag. Grosszügig lehren, grosszügig erziehen das ist die Mahnung, die dieses schöne und würdige Gebäude uns von nun an Tag für Tag, Stunde um Stunde zurufen wird. Wir aber wollen dadurch, dass wir dieser Mahnung nach Kräften folgen, unseren Dank darbringen der Verwaltung unserer Stadt, die den Bau errichten liess, der hohen Staatsregierung, die mit Rat und Tat dabei zur Seite gestanden hat, den Künstlern, die ihr Bestes eingesetzt haben bei Entwurf und Ausführung des Baues, endlich den Meistern und Gehilfen, die mit Mühe und Sorgfalt das grosse Werk im einzelnen vollendet haben. Nachdem dann noch die Leiter des Gymnasiums und der Höheren Mädchenschule, die Herren Direktor Dr. Buchhold und Direktor Dr. Eger, die Glückwünsche ihrer Anstalten dargebracht und Geh. Schulrat Jäger hierfür seinen Dank ausgesprochen hatte, wurde nach dem Vortrag eines diesen Teil der Feier abschliessenden Gesanges ein Rundgang durch die Räume des Neubaus angeteten. Nach Beendigung desselben war zunächst Gelegenheit

zu körperlichen Erfrischung geboten; dann aber begann die eigentliche

Schulfeier.

Der Leitgedanke für die Auswahl der Lieder, Gedichte und dramatischen Stücke war: ein Gang durch die Geschichte deutscher Dichtung von den ältesten Zeiten bis zum 19. Jahrhundert. Der erste Teil begann mit dem LiedSiegesgesang der Germanen nach der Varusschlacht und führte dann die Zuhörer über Walter von der Vogelweide, Hans Sachs, Klopstock, Goethe und Schiller zu Uhland und Mörike. Zwischen die Ge- dichte waren Lieder und Musikstücke von entsprechendem Stimmungsgehalt eingeflochten. Der zweite Teil brachte jedesmal mit erläuternder Einleitung den 5. Aufzug der Karlsschüler von Laube und darauf Teile des 1. und 3., sowie den ganzen 4. Aufzug desKönigsleutnants von Gutzkow. Alle Vortragenden widmeten sich mit grosser Lust und Liebe den vielfach recht schwierigen Aufgaben, die ihnen gestellt waren, und herz- lichster Dank sei auch an dieser Stelle ausgesprochen Herrn Reallehrer Kammer, der die sämtlichen musikalischen Vortragsstücke eingeübt hatte, ferner den Herren Professor Kellner, Oberlehrer Dr. Büttner, Dr. Gräf und Dr. Münch, die die Einstudierung