Jahrgang 
1912
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dass das Können der Schüler, besonders auf naturwissenschaftlichem Gebiet, nicht zu kurz kommt. Es wäre aber schlimm, wenn unser Schulwesen allmählich in eine Diftferenzierung zu lauter Fachschulen geriete. Wenn der Herr Bügermeister gesagt hat, man solle den Menschen nicht aus dem Auge verlieren und nicht nur den Fachmann vor sich sehen, so wollen wir nicht zu dem vielen, was unsere deutsche Nation trennend zerklüftet, noch ein neues Moment hinzutragen, welches zu der letzten Konsequenz führen müsste, dass die gebildete Gesellschaft in eine Anzahl von Gruppen zerfiele, die sich vielleicht gar nicht mehr verständen. Die Schule muss sich also bewust bleiben, dass eine solche Gefahr besteht, und ihr wirksam ent- gegentreten. Sie muss iiberall auf den Menschen einzuwirken suchen, auf Herz und Geist. Sie soll nicht totes Wissen erzeugen, sondern die Empfindungswelt, die Kraft des Geistes und des Willens und das Gemüt bilden. Das ist Aufgabe aller Schulen, also auch der Oberreal- schule. Es läge ja nahe, meine Herrschaften, die Fächer, die auf dem Lehrplan der Ober- realschule stehen, Revue passieren zu lassen und sie auf ihren Bildungsgehalt, ihren Bildungswert, zu untersuchen. Ich fürchte aber, dass ich dadurch die Geduld meiner verehrten Zuhörer ermüdete, wenn ich sie diesen weiten Weg führen wollte. Ich schliesse deshalb mit dem herzlichen Wuasch, dass diejenigen Männer, die berufen sind, in den herr- lichen Räumen dieser Schule fortan zu wirken, sich jederzeit der ernsten Pflichten bewusst bleiben mögen, die ihnen ihr Amt auferlegt, Wissen zu übermitteln, Können zu er- zeugen und Charaktere zu erziehen. Wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht, wenn dieser Wunsch zu einer erfreulichen Entwickelung der Jugend beiträgt, dann wird die Stadt Offenbach niemals die Opfer zu bereuen haben, die sie für diesen Neubau gebracht hat. Dann wird das Kapital an Mühe, an Sorgen und auch an Geld, welches aufgewandt werden musste, um diesen Bau zu errichten, reichlich Zinsen tragen.

Hieran schloss sich die Festrede des Leiters der Schule, des Geh. Schulrats Jäger:

Hochverehrte Festversamlung! Es ist mir eine angenehme Pflicht, zunächst die zum erstenmal bei der Schulfeier in diesen neuen Räumen Weilenden willkommen zu heissen und Ihnen im Namen unserer Schule den Dank dafür auszusprechen, dass Sie sich in so grosser Zahl eingefunden haben, um diesen festlichen Tag mit uns zu begehen. An diesen allge- meinen Dank muss ich einen ganz besonderen Dank anschliessen an die Herren Vertreter der Grossherzoglichen Staatsregierung, die von Darmstadt herübergeeilt sind, um unserer Feier eine höhere Weihe zu geben.

Gestatten Sie mir ausserdem noch, daran einige Betrachtungen zu knüpfen.

Wir Menschen unterlegen in unserem Denken und Fühlen dem Gesetz der Relativität. Ein Ereignis erscheint uns nur dann im richtige Lichte, wenn es nicht vereinzelt betrachtet wird, sondern wenn auch die wesentlichen Beziehungen zu seiner zeitlichen Umgebung in Rücksicht gezogen werden. So ist es auch mit dem Ereignis, das wir heute erleben. Nur für sich betrachtet, ist es die Einweihung eines sehr schönen und zweckmässigen Gebäudes, in weiterer Betrachtung aber ist es die Erlösung aus schwierigen und unerquicklichen Ver- hältnissen der Vergangenheit und die Herbeiführung einer hochbefriedigenden Gegenwart, mit vielversprechenden Ausblicken in die Zukunft. Es hat kein Interesse, auf die trübe Ver- gangenheit näher einzugehen. Es genüge der Hinweis, dass unsere Schule zuletzt aus 30 Klassen bestand, die in vier verschiedenen Gebäulichkeiten untergebracht waren. Das Offenbacher Schulwesen ist vorhin mit einem Baum verglichen worden. An diesem Baum hatte sich ein unförmiges Gewächs gebildet, das nun zerschnitten wird in zwei kleinere Sprosse, die, in neue, zuträglichere Lebensverhältnisse verpflanzt, sich hoffentlich recht gesund weiter-