Jahrgang 
1912
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die Schule in Betrieb genommen werden konnte. Eine Reihe von Jahrzehnten hat dann diese Schule mit zunehmender Ausdehnung ihres Amtes gewaltet. Ein bedeutsamer Moment in der Entwickelung fällt in die 60 er Jahre, wo die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht überall und auch in Offenbach die Zahl der Schüler der höheren Schulen mächtig anschwellen liess. Wiederum ein bedeutsamer Moment war es, als die inzwischen in ein Realgymnasium umge- wandelte Anstalt zum erstenmal Abiturienten zum Studium entlassen konnte. Immer weiter schritt die Entwickelung, bis in den 90 er Jahren aus dem Realgymnasium ein humanistisches Gymnasium wurde, welches 1893 zum erstenmal die Maturitätsprüfung abhalten konnte. Es war das die zweite Vollanstalt. Denn inzwischen hatte sich die Realschule zu einer Oberreal- schule ausgewachsen. Da zwei Vollanstalten in einem Haus unter einem Direktor nicht bleiben konnten, so hat man bei dem Ausbau der Oberrealschule im Jahre 1902 darauf Bedacht ge- nommen, Gymnasium und Oberralschule von einander zu trennen. Die Trennung fand 1903 statt. Seitdem sind beide Austalten räumlich voneinander geschieden. Sie arbeiten nach ver- schiedenen Lehrplänen nebeneinander, in allerletzter Linie nach demselben und dem gleichen Ziele strebend. Unsere dem Materiellen zugewandte Zeit begünstigt die Oberrealschulen vor den humanistischen Gymnasien. Aber das humanistische Gymnasium können und wollen wir nicht entbehren. Es muss uns die Verbindung zwischen der Gegenwart und Vergangenheit vermitteln, es muss den historischen Sinn lebendig halten, ohne welchen die deutsche Kultur verkümmern müsste. Andererseits bedürfen wir aber auch der Realanstalten, die vor- wiegend für den Kampf im praktischen Leben vorbilden; diese Aufgabe hat auch die Oberrealschule. Darin liegt aber eine gewisse Gefahr, auf die vorhin der Herr Bürger- meister hingewiesen hat, dass man nämlich den Menschen über dem Materiellen über- sieht. Ueber der Einprägung dieses Wissens verliert man die geistige Entwickelung und und Entfaltung des ganzen Menschen aus dem Auge. Die Persönlichkeiten, die berufen sind, in dieser Schule zu wirken, geben die Gewähr, dass sie diese Gefahr nicht aus dem Auge lassen werden. Wir müssen uns bewusst sein, dass mit dem bedeutsamen Rechte, welches die Oberrealschule seit nunmehr 5 Jahren erhalten hat, auch schwere, ernste Pflichten ver- bunden sind. Dieses Recht ist die Gleichwertigkeit, die Gleichberechtigung von Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule. Es ist nicht möglich, dass eine Schule heutzutage alles Wissen, was zur Bildung gehört, übermitteln könnte. Es muss auch hier eine Arbeitsteilung eintreten. Man muss sich damit bescheiden, nur eine gewisse Auswahl von Dingen in den Vordergrund zu stellen und danach die Besonderheiten der Schule messen. Als man im Jahre 1906 die Gleichberechtigung der drei Vollanstalten aussprach und auch der Oberrealschule die Pforten der Universität öffnete, war anerkannt, dass nicht nur, wie man früher irrtüm- licherweise geglaubt hatte, der humanistische Bildungsweg als Vorbedingung für das Studium auf der Hochschule zu fordern, sondern dass auch jener andere, auf dem die Oberrealschule ihre Schüler hinleitete, dazu geeignet sei. Es bleiben ja genugsame und reichliche Berührungs- punkte zwischen den verschiedenen Schulgattungen bestehen. Ich kann mich auch darin wieder dem, was der Herr Bürgermeister über Religion und Kunst gesagt hat, voll und ganz anschliessen. Ich nehme aber noch die Geschichte hinzu, dass tiefe Eindringen in die deutsche Muttersprache, in das Wesen, den Wert und die Schätze der deutschen Literatur. Das sind alles Dinge, die den drei Schulgattungen gemeinsam sind. Als besonderes Merkmal kommt den Anstalten realen Charakters nicht blos ein mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen, sondern auch ein praktisches Können auf diesem Gebiete zu. Dessen ist man sich auch bei der Ausführung dieses Baues bewusst gewesen. Der Rundgang wird Ihnen vor Augen führen,