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wie sie hier geboten werden, finden sich nicht leicht sonst wo. Hier ist Licht, Luft und freier Raum nicht bloss zu kräftigem, wissenschaftlichem Arbeiten, sondern auch zu fröhlichem Spiel und mehr noch, hier ist Würde und Schönheit der Formen. Schönheit und Würde sind Kräfte, von denen ein siegender tiefer Einfluss ausgeht. Treffend hat das der Herr Bürger- meister in seinen Worten hervorgehoben. Möge die hiesige Jugend, die fortan diese Räume bevölkern wird, stets diese Einwirkung an sich erkennen lassen. Erweist euch dankbar, liebe Schüler, für das prächtige Haus, das man euch gebaut hat, um euch zu braven und tüchtigen jungen Männern heranreifen zu lassen. Wir beglückwünschen auch den Direktor und die Lehrer. Unter freudigeren Empfindungen und günstigeren Bedingungen werden diese Herren fortan ihres Amtes walten können. Es ist aber nicht bloss äusserlich Raum vorhanden. Das Haus ist auch im Innern, wie ich weiss, auf das Beste mit all dem ausgestattet, was für einen gedeihlichen Unterricht erforderlich ist. Schon darin liegt fortan eine gründliche Arbeitser- leichterung, dass die längst übergross gewordene Schule in zwei Anstalten gleicher Art zerlegt ist, wodurch es möglich ist, das Ganze durchdringender durchzuarbeiten, als das seit- her der Fall war. Ich beglückwünsche auch vor allem die Stadt und deren Verwaltung, die in richtiger Erkenntnis, dass die Zukunft einer jeden Stadtgemeinde im wesentlichen doch auf der richtigen Entwickelung der Jugend beruht, grosse Opfer nicht gescheut hat, um diesen Bau zu errichten. Sie hat damit nicht bloss das Stadtbild um einen schönen Zug bereichert, sondern einen Bau geschaffen, der sich auch der inneren Ausstattung nach getrost mit den stolzen Schulpalästen der grösseren Nachbarstädte messen kann. Das Mass der Weisheit, mit der eine Stadt verwaltet wird, gibt sich darin zu erkennen, was sie für ihre Jugend tut. Die Stadt Offenbach hat sich durch Errichtung dieses Hauses, in das wir heute eingetreten sind, ein Denkmal erleuchteten, opferwilligen Bürgersinns gesetzt. Es liegt nun nahe, am heutigen Tage, der so bedeutsam für die Geschichte des Offenbacher Schulwesens ist, den Blick rück- wärts auf vergangene Zeiten zu wenden.
Auch hier kann ich nur aus vollem Herzen das bestätigen, was der Herr Bügermeister bereits vorgetragen hat. Das Offenbacher Schulwesen gleicht einem Baum von mächtigem Alter, der aber noch genug Lebenskraft besitzt, um wieder neue kräftige Aeste aus sich zu entwickeln. Ich weiss nicht, ob jene Lateinschule, die im Jahre 1718 durch die hochherzige Stiktung zweier Mitglieder des Gräfl. Isenburgischen Hauses, Wolfgang Ernst und Johann Philipp, ins Leben trat, eine besonders gesegnete Entwickelung und eine gedeihliche Blüte entfaltet hat. Unsere Akten geben darüber keine Auskunft. Jedenfalls hat sie im ersten Drittel des jetzt verflossenen Jahrhunders nicht mehr den Ansprüchen genügt, die an sie ge- stellt werden mussten. Das führte zu einer Entvölkerung jener Latein-Schule. Zuletzt schmolz sie auf 15 Schüler zusammen. Da hat dann die oberste Staatsverwaltung ihr Augenmerk auf diesen Punkt gerichtet. Sie hat daran gedacht, diese insolvent gewordene Anstalt in eine Realschule umzuwandeln, die gerade im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts so üppig emporschossen. Eine Stadt wie Offenbach, deren Bewohner im wesentlichen kommerziell und industriell tätig waren, bedurfte einer Realschule im eigentlichen Sinne des Wortes, die auf das Reale und die praktischen Erfordernisse des Lebens hinwirkte und die Jugend damit aus- rüstete. Jahrzehnte lang dauerte es— es war am 11. März 1831— bis der damalige Gross- herzog dem Plan der Regierung zur Errichtung einer Realschule in Offenbach seine Ge- nehmigung gab. Deshalb ist der 11. März 1831 in gewissem Sinne als der eigentliche Gründungs- tag der Offtenbacher Oberrealschule zu betrachten. Es hat freilich noch einige Jahre gedauert, bis all die Personal-, Geld- und Rechtsfragen geregelt waren, die gelöst werden mussten, ehe


