Jahrgang 
1912
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dass für die allgemeinen menschlichen Seiten keine Kraft mehr übrig bleibt. Und doch, meine Herrschaften, wendet sich all das Wertvolle, was die Menschheit und unsere Kultur hervor- bringt, nicht an den Fachmann, an den Berufsmenschen, sondern an den Menschen im allge- meinen, an höhere Dinge, an unsere Religion, an unsere Kunst, an unsere Politik und noch vieles andere. Wir appellieren nicht an den Kaufmann, nicht an den Lehrer, nicht an den Be- amten, nicht an den Arbeiter usw., sondern wir appellieren an den Menschen, an die Religion, an die Kunst. Man hat wohl nicht mit Unrecht gesagt, dass diese Spezialisierungen und Differenzierungen, die aus den Menschen nur Berufsmenschen machen wollen, die Veranlassung wären, dass wir auf diesen beiden Gebieten des menschlichen Geistes, Religion und Kunst, nicht mehr das, was frühere Jahrhunderte, leisteten. Andererseits sehen wir aber, wie gerade jetzt, auf diesen beiden Gebieten sich neue Bestrebungen erfreulicher- und überraschender- weise nicht nur zeigen, sondern auch sich das religiöse und künstlerische Leben immer stärker regt. Da wird es nun die Aufgabe der Schule sein, zu verhindern, dass in ihr einseitige Fach- männer ausgebildet werden. Sie wird dahin streben müssen, neben dem Fachwissen die Liebe zum allgemeinen Wissen, das allgemeine Menschliche in seiner Brust zu festigen und zu vertiefen. Dazu sind gerade die beiden vorhin erwähnten Gebiete, Religion und Kunst, geeignet.

Die Pflege des religiösen Geistes ist ja der Schule zugewiesen. Wir sind beruhigt in dem Gedanken, dass die Lehrer ihrerseits alles tun werden, um in dem Schüler neben dem Fachwissen auch die Kräfte seines Seelenlebens zu fördern. Der Kunst kann ja in unseren Schulen nicht die Pflegestätte zugewiesen werden, wie das vor 2000 Jahren im Altertum der Fall war, aber meine verehrten Herrschaften, so viel sieht man auch heute schon, dass ohne die Pflege der Kunst, der Musen, auch die beste Fachbildung nur ein zusammenhangloses Stückwerk bleibt. Deshalb dürfen wir unsere Schulen nicht nur zu Nützlichkeitseinrichtungen, sondern müssen sie zu Kunstwerken ausgestalten. Denn nur durch Anschauung wird die Kunst über- mittelt. Und wenn Sie, wie ich hoffe, bei der Besichtigung dieses Hauses finden werden, dass mit allem Fleiss und vieler Mühe darauf gesehen ist, dieses Schulgebäude zu einem wirklichen Kunstwerk auszugestalten, so kann ich versichern, dass das gerade deshalb geschehen ist, weil wir es als unsere Aufgabe betrachtet haben, die Kunst als Erlebnis unserer heranwachsen- den Jugend vor die Augen zu führen, die Anschauung des Schönen täglich zu vermitteln, da- durch veredelnd und zusammenfassend zu wirken und sie zu befähigen. eine einheitliche har- monische Lebensauftassung sich zu gestalten. Die Kunst soll das zusammenfassen, was der Fachunterricht naturgemäss vereinzelt bietet. So hoffe ich, dass dieser Neubau in seinem ganzen Wesen, in dem Charakter, der ihm aufgeprägt ist, dazu beiträgt, erziehend zu wirken dass die Jugend darin untergebracht wird, nicht nur um unterrichtet, sondern um gebildet und erzogen zu werden. Und so spreche ich den Wunsch aus, dass der Unterricht und die Erziehung in diesem Neubau unter der sorgenden Liebe und Hingebung der Lehrer nicht bloss eine gut unterrichtete, sondern auch eine wohl und harmonisch ausgebildete Jugend hervor- bringen möge, an der unsere Vaterstadt und unser Vaterland immer Freude haben wird.

Es erhob sich nun Herr Geh. Oberschulrat Nodnagel und führte folgendes aus:

Hochansehnliche Versammlung! Es sei mir gestattet, den Worten des Dankes und der Begrüssung, die der Herr Vorsitzende der Ministerialabteilung für Schulangelegenheiten vor Eintritt in dieses Haus gesprochen hat, im Namen der Behörde noch einige Worte der Be- glückwünschung folgen zu lassen. Wir beglückwünschen die Schuljugend, der es fortan ver- gönnt sein wird, in diesen Räumen sich die Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, die Beruf und Studium später erfordern. Wir beglückwünschen sie; denn schönere Verhältnisse,