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War die Gründung der ersten höheren Schule in Offenbach, der Latein-Schule, lediglich der Freigebigkeit des Landesfürsten zu danken, so hat es doch auch die Stadt Oſſenbach seit nunmehr 100 Jahren als ihre Pflicht betrachtet, sich an der Sorge für das höhere Schul- wesen, für die bessere Ausbildung ihrer Kinder zu beteiligen und der Schule im wesentlichen Charakter und Richtung zu geben. Die alte Latein-Schule des 18. Jahrhunderts war mehr eine Gelehrtenschule. Die neue Realschule, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts eröffnet wurde, war von vornherein mehr eine Schule für das bürgerliche Gewerbe und die Industrie. Sie war berufen, unserer damals aufkeimenden Industrie tüchtige Vorkämpfer heranzubilden, in- dem sie der heranwachsenden Generation die gesamten Kenntnisse, die man damals auf mathematisch-naturwissenschaftlichem Gebiete besass, übermittelte. Der Schulweg dieser Kinderschar, die später Offenbachs Industrie begründete, führte nach dem alten Latein-Schul- haus in der Herrnstrasse, wie das bis vor kurzem ja auch noch der Fall war. Es war das ein nach alter Art dauerhaft und solid gebautes Haus. Eine Glas- und Spiegelmanufaktur hatte es werden sollen, als es Johann Philipp von Isenburg ankaufte, um es zur Schule um- und auszubauen. So spricht sich also in der Entstehung der Realschule schon der Zusammen- hang mit der Offenbacher Industrie aus. Das Haus hat die Schule mit kurzer Unterbrechung ungefähr l ½ Jahrhundert beherbergt. Kurze Zeit war auch die Volksschule darin unterge- bracht. Wie bescheiden die Verhältnisse damals noch in Offenbach waren, zeigt der Umstand, dass dieses Haus eine Zeitlang sogar noch die Bürgermeisterei, die Stadtverordnetenver- sammlungen und Lehrerwohnungen beherbergte. Doch die Bevölkerung und auch das Mass der zu übermittelnden Kentnisse und damit die dazu nötigen Lehrmittel nahmen zu. Es wuchs das Bedürfnis nach Raum. Der stets steigenden Schülerzahl war das alte Haus nicht mehr gewachsen. Zum erstenmale wurde daher ein neues Schulhaus für die städtische Realschule im Hofe des jetzigen Stadthauses errichtet und im Jahre 1873 seiner Bestimmung übergeben. Es war damals ein musterhaft gebautes und eingerichtetes Gebäude. Ja es hat der damaligen städtischen Verwaltung auf der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 einen Preis gebracht. Wenn man heute das Gebäude sieht, kann man es kaum glauben, dass es auf einer Weltaus- stellung einen Preis errungen hat. Als wir nun an das Projekt der Erbauung der neuen Oberrealschule, wie Sie dieselbe heute verwirklicht sehen, herantraten, wollten wir allen unterrichtlichen Anforderungen der modernen Zeit genügen. Wir sind überzeugt, dass man auch 1873 geglaubt hat, alles geleistet zu haben, was erwartet werden konnte. Heutzutage sind die Verhältnisse eben andere als 1873. Wie in unserem engeren Vaterlande, so sind wir speziell in Offenbach bestrebt, um alle Bildungsmöglichkeiten zu erschliessen, die letzten Mittel aufzubieten. Eben aus diesem Grunde ist das jetzt in gute Hände übergebene Schul- haus mit allen Lehrmitteln ausgestattet worden, die zur Erkenntnis der Verhältnisse und Zu- sammenhänge der materiellen Natur nötig sind, um unsere Jugend für die Kämpfe des Er- werbslebens und für die Industrie vorzubilden.
Gar zu leicht kommt es dann vor, dass der Schüler, wie später der junge Mann sich auf das Gebiet beschränkt, das ihm zur Betätigung zugewiesen ist. Es ist das aber nicht nur in der Industrie so. Das ist allgemein der Fall. Es ist das auch in der Wissenschaft, in dem ganzen modernen Leben so. Man hat oft gesagt, das moderne Volk bestände gar nicht mehr aus wirklich gleichberechtigten Individuen, sondern aus Industriellen, aus Kaufleuten, aus Gelehrten, aus Geistlichen, aus Beamten, aus Handwerkern, aus Arbeitern, die im grossen und ganzen wenig gemeinsames mehr hätten. Man hat dabei gesagt, dass der Kampf ums Dasein so stark geworden sei, dass in seinem speziellen Erwerbszweige jeder so aufgehe,


