Jahrgang 
1866
Einzelbild herunterladen

21

ſie aus den Augen zu verlieren, noch dem Muthwilligen ſie zu überſehen, oder dem Genialen ſich darüber hinaus zu ſetzen; ſie muß darauf halten, daß, was für Alle aufgeſtellt wurde, auch von Allen geachtet wird; ſie darf keinem etwas zu gute halten, keinem in Berückſichtigung ſeiner Individualität nachgeben, wenn ſie nicht ſich ſelbſt und ihren erziehlichen Einfluß, deſſen Grundbedingung ſtetes Feſthalten ihrer Autorität iſt, ganz aufgeben will. Verſteht man aber gar, wie dieß wohl auch geſchieht, unter der beanſpruchten individuellen Behandlung des Kindes, daß die Schwächen deſſelben überſehen, daß ja ſeine Eigenliebe und mit ihr die Eigenliebe der Eltern nicht gekränkt, ſeine Fehler beſchönigt, ſeinen Neigungen geſchmeichelt werde: da kann die Schule, wenn ſie ihrer Aufgabe nicht untreu werden will und nach ſittlichen Grundſätzen, nicht bloß nach äußerlichen Rückſichten geleitet wird, eine ſolche Zumuthung nur mit Entrüſtung zurückweiſen und mit aller Kraft be⸗ kämpfen.

Die Schule ſoll das Haus, ſo verlangt man weiter, durch Zucht und Strafe bei der Ablegung von Fehlern, bei der Angewöhnung des Beſſeren unterſtützen. Gewiß eine vollſtändig gerechtfertigte Forderung, und ich wüßte keinen Lehrer, der nicht mit Freuden jederzeit die Gelegenheit ergriffe, ihr zu entſprechen. Warum aber geſchieht es dennoch ſo ſelten? Die Schuld liegt einfach daran, daß ſeine Unterſtützung gewöhnlich gar nicht in Anſpruch genommen, in manchen Fällen ihr ſogar geradezu entgegengearbeitet wird. Der Lehrer, durch ſeinen Beruf während des größten Theils des Tages, oft in überfüllter Klaſſe, in Anſpruch genommen, iſt nicht im Stande, mit den Eltern aller ſeiner Schüler fortdauernd zu verkehren er wird ſchon durch deren Zahl daran gehindert wohl aber können der Vater oder die Mutter, die nur einen oder doch nur wenige Söhne zu überſehen haben, ſeine Mitwirkung in Anſpruch nehmen. Geſchieht dieß aber nicht, iſt den Eltern der Gang zum Lehrer, die Beſprechung mit ihm überläſtig, oder hält ſie falſche Scham davon zurück, wie ſoll der Lehrer, der den Schüler nur in der Schule, nur von einzelnen Seiten, nicht ſeinem ganzen Weſen nach kennen lernt, den Fehlern entgegenwirken, die guten Eigenſchaften fördern und anregen können, da ihm zu dem Einen, wie zu dem Andern eingehende Nachweiſe fehlen? Entſchließt man ſich von Seiten der Eltern aber auch zu dieſem Schritte, wie oft geſchieht es dann, daß man der zugeſagten Unterſtützung müde wird, ſie unbequem findet und namentlich, wenn zu Strafen und gar zu körperlichen Strafen vorgeſchritten werden muß, ſich gerade ſo eifrig derſelben widerſetzt, als man ſie früher herbeigewünſcht.

Es iſt dies ja ohnedem das Gebiet, auf welchem die meiſten Grenzſtreitigkeiten ſich erheben, das zu den meiſten Klagen und Anklagen gegen die Schule Veran⸗ laſſung gibt, und gerade von den Seiten zumeiſt, wo es das Haus ſelber an ernſter Zucht und konſequentem Ernſt in der Behandlung der Kinder fehlen läßt. Wo die häusliche Zucht mithilft, da iſt die Aufgabe des Lehrers eine verhältnißmäßig leichte, da wird er auch ſeltener Veranlaſſung zu ernſteren Strafen haben. Wo aber die Kinder an allen, auch nur für Erwachſene beſtimmten Genüſſen und Zerſtreuungen theilnehmen dürfen, wo die Mutter ſtatt des ernſt ſtrafenden Wortes oder auch, im nöthigen Fall, der ſtrafenden That, nur Worte ſogenannter liebevoller Ermahnung hat, ich ſage gefliſſentlichſogenannter, denn es iſt keine Liebe, ſein Kind durch falſche Erziehung zu Grunde richten hinter welchen ſich ſo häufig nur eigene ſittliche Kraftloſigkeit verbirgt, wo ſich dem nur Bitten anreihen, es nicht wieder zu thun, nur Vorſtellungen, wie ſehr das Kind Vater und Mutter betrübe, und wo man nebenbei Beweiſe von Zärtlichkeit in Wort oder Geberde verlangt,