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die Grösse des Verlustes hinwies, den nicht nur die Oberrealschule, sondern auch die ganze Stadt erlitten hat. Die Trauer um ihn war allgemein in der Bürgerschaft; war er doch stets bereit gewesen, sein grosses musikalisches und zeichnerisches Können in den Dienst der All- gemeinheit zu stellen. Wir werden ihm ein dauerndes Andenken bewahren.
Von den Schülern trat der Untersekundaner Wallauer nach bestandener Schlussprüfung als Kriegsfreiwilliger ein..
Wenige Tage nach Schulanfang im August gelang es, wieder einen geregelten Unter- richtsplan einzuhalten. Dies ist dadurch ermöglicht worden, dass Dr. Brodt voll beschäftigt wurde und dass Kand. J. Ernst vom pädagogischen Seminar in Oberlahnstein, der während seiner Ferien hier weilte, sowie Pfarrer Friton, Pfarrer a. D. Norgall und Fräulein Granzow von der Höheren Mädchenschule ihre Kräfte der Anstalt zur Verfügung stellten. Für cand. Ernst, der am Schlusse seiner Ferien nach Oberlahnstein zurückkehren musste, wurde wiss. Hilfslehrer W. Arndt überwiesen, und als Dr. Brodt am 5. September einem Rufe an die Oberreal- schule in Bukarest folgte, trat Prof. Dr. Kunz vom Frankfurter Philanthropin in das Lehrer- kollegium ein. Dieser übernahm nach Weihnachten auch die zwei bis dahin von Fräulein Granzow erteilten Stunden Englisch in Obersekunda.
Allen, die geholfen haben, dass die Anstalt die schwere Zeit des Krieges ohne erhebliche Störung des Unterrichts überstehen konnte, sei hiermit der herzlichste und aufrichtigste Dank ausgesprochen.
In unserer kleinen Stadt, die abseits der grossen Heeresstrasse liegt, war und ist von dem Sturme des Krieges nur wenig zu merken. So konnten sich auch die Schüler nur wenig an dem grossen Hilfswerke beteiligen. Abgesehen davon, dass einige, namentlich diejenigen aus den umliegenden Dörfern, zur Hilfe bei der Ernte beurlaubt wurden, war der Schulbesuch wenig gestört. Auch das hat seine nicht zu unterschätzende Vorteile, es zwingt zur Selbstbeherrschung und zum Richten der Gedanken auf einen Gegenstand, der augenblicklich fern zu liegen scheint, es zwingt zur Erfüllung der Pflicht.
Wenn auch der Unterricht seinen geregelten Gang nahm, so ist doch selbsverständlich, dass der grossen Zeit gedacht wurde, dass die grossen Ereignisse den Schülern gebührend nahe gelegt und erläutert wurden. Zu erwähnen sind namentlich die Kriegsstunden in Sexta, in denen die Kleinen mit regstem Eifer selbst gesuchte Erzählungen aus dem Kriege, Gedichte und dergl. vortrugen.
Am Sedanstage wurde eine öffentliche Feier abgehalten mit Gesang und Vortrag von Gedichten unserer Tage. Der Direktor behandelte in seiner Rede die Grösse der gegenwärtigen Zeit. Am Tage der Winterschlacht in Masuren wurde nach einer kurzen Feier schulfrei gegeben.
Auch die Feier von Kaisers Geburtstag stand unter dem Zeichen der Zeit. In seiner Festrede sprach Oberlehrer Dr Schaefer über den Vaterlandsgedanken in der deutschen Dichtung.
Des Geburtstags des Altreichskanzlers Bismarck wurde im Geschichtsunterricht gedacht. Bei gelegener Zeit sollen den Schülern Lichtbilder aus seinem Leben vorgeführt werden.
Im Zeichen der Zeit standen auch die meisten Vorträge, die der Unterzeichnete auf Ver- anlassung des Vereins ehemaliger Realschüler veranstaltete, zu dem stets die Verwundeten des hiesigen Reserve-Lazaretts eingeladen waren. Durch das Entgegenkommen der Vortragenden war es möglich eine ansehnliche Summe der Kriegshilfe zu überweisen sowie Weihnachtsgaben ins Feld zu schicken. Die Damen Fräulein Bertha Wallenfels, Konzertsängerin aus Wiesbaden, Fräulein Paula Tegel aus Frankfurt und Herr Willy Renner, Lehrer am Hoch'schen Konser- vatorium, vereinigten sich zu einem wohlgelungenen Konzerte. Herr Dr. Fred Lübbecke, Assistent am Städel'schen Institute, sprach in einem Lichtbildervortrage über„Krieg und Kunst“; vor und nach seinem Vortrag erfreute Frau Dr. Lübbecke die Zuhörer durch ihr Spiel Brahms'scher Werke. Herr Universitätprofessor Dr. Panzer sprach über„Deutsche Soldaten- lieder“. Der Abend wurde belebt durch die liebenswürdige Mitwirkung von Frau Oberlehrer Dr. Schaefer und ihrer Schwester, Frau Anna Trümper aus Kassel, von Herrn Oberlehrer Erndter am Flügel begleitet, sowie durch die Mitwirkung des Schülerchors der Anstalt unter Leitung des Direktors. Am letzten Abend redete Herr Universitätsprofessor Dr. Künzel über den englischen Imperialismus. Herr Physiker A. Stadthagen aus Berlin führte in seinem Vortrag „Flüssige Luft und flüssiges Feuer“ wohlgelungene Versuche aus dem Gebiete der tiefsten und


