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dem Magistrat eine Denkschrift über die Errichtung einer höheren Knabenschule zu unterbreiten. Nichts wurde in dieser Denkschrift verschwiegen, insbesondere nicht die neuen Lasten die der Bürgerschaft auferlegt werden müssen, um das grosse Werk zu Stande zu bringen und Sie können mir glauben, dass die einstimmige Annahme meiner Denkschrift und der einstimmige Beschluss der städtischen Behörden alsbald die Vorarbeiten zu beginnen für mich fast überraschend kam. Auch die Aufnahme des Projects in weiten Kreisen der Bürgerschaft war eine sehr günstige und so sehen wir heute nach mehr als 2 ½ jährigen Verhandlungen endlich den Tag der Eröffnung herangekommen. Noch sind viele Schwierigkeiten zu überwinden, noch sind grosse Opfer zu bringen, fest ver- trauend auf die Erkenntnis der Bürgerschaft, dass die Schule eine Notwendigkeit für die Stadt ist, wollen wir diesen Fragen näber treten, nachdem der grosse Schritt, die Genehmigung zur Errichtung der Schule zu erhalten, zu einem glücklichen Ende geführt ist. Alle weiteren Beratungen über die Unterhaltung der Schule und den späteren Ausbau werden sich bei gutem Willen und etwas Opfersinn leichter erledigen lassen als das bis jetzt Erreichte. Und so nehme ich denn die Eröffnung der neuen Realschule vor, indem ich zunächst dem gesamten Lehrerkollegium der seitherigen Schule aufrichtigen Dank ausspreche für die unermüdliche Tätigkeit, den Fleiss und die Ausdauer, mit welchem es, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen, seiner Aufgabe gerecht wurde. Wenn dem Collegium jetzt nur noch die Sorge um die Volksschule obliegt, so möge es doch suchen in Collegialität und in enger Fühlung mit dem Collegium der neuen Schnule zu bleiben und dadurch einen guten Nachwuchs für diese heranzubilden. Auch die immerhin noch einige Jahre dauernde gemeinsame Benntzung des gleichen Ge- bäudes, der Turnhalle und der Utensilien möge zu einem engen Bund beitragen, und ich bitte in dieser Hinsicht durch recht grosses Entgegenkommen, den Ujebergang zu erleichtern. Ihnen, sehr verehrter Herr Oberlehrer Wallenfels, haben wir die Leitung und den Ausban unserer neuen Schule übertragen, in dem hohen Vertrauen auf Ihre besondere Befähigung, Ihren unermüdlichen Fleiss und die Gabe mit grosser Sparsamkeit unsere Anstalt zu einer der ersten und gesuchtesten unserer Provinz zu machen. Ihre seitherige Tätigkeit und Ihre Leistungen haben uns überzeugt, dass wir die grosse Aufgabe ruhig in Ihre bewährten Hände legen dürfen, und ica kann nur versichern, dass Sie stets die Unterstützung der städtischen Behörden finden werden, wenn es gilt Gutes für die Anstalt zu leisten. Das Vertrauen der Bürgerschaft, der Eltern der Schüler und der Schüler und nicht zuletzt das Vertrauen Ihres Lehrerkollegiums und der Aufsichtsbehörde werden Sie, wie ich fest hoffe, sich zu erriogen wissen, und in diesem Sinne begrüsse ich gleichzeitig die beiden Herrn Oberlehrer Schreiner uud Dr. Messerschmitt; die ich die Ehre habe heute cinzuführen. Weiteren Dank habe ich auszusprechen den städtischen Verrretungen für die Bereitwilligkeit die grossen neuen Lasten auf sich und die Bürgerschaft zu nehmen und speziell für die Erkenntnis, dass die Schnle ein unabweisbares Bedürfnis für die Entwicklung der Stadt ist; ferner allen den- jenigen Einwohnern, welche mit Wort und Tat für die Schule eingetreten sind und noch eintreten, sei es zur Aufklärung der Bürgerschaft oder zur Hebung des Interesses für die neue Anstalt. Ganz besonderen Dank aber gebührt der Königlichen Staatsregierung und dem Provinzialschulkollegium für die überaus wohlwollende Art, mit welcher das neue Projekt von Anfang an behandelt und gefördert worden ist. Stets habe ich, sowohl bei dem Herrn Landrat von Marx, welchen wir auch heute in unserer Mitte zu sehen die Ehre haben, als dem Herrn Reg.-Präsidenten und Sr. Excellenz dem Ferrn Oberpräsidenten ein geneigtes Ohr gefunden und fortgesetzt guten Rat erhalten. Tritt die neue Schule so unter günstigen Umständen ins Leben, so muss es auch in erster Linie Pflicht des Leiters und der Lehrer sein, die Schule zu einem Hort der Heimatsliebe, der Frömmigleeit, der Treue zu Kaiser und Reich und zu einer Stelle zu machen, von welcher sittsam erzogene tugendhafte, tüchtige deutsche Männer in die Welt hinaustreten, welche ihrer Vaterstadt Ehre bereiten und der Schule einen guten Ruf und Namen verschaffen. Dies Alles ist aber nur möglich, wenn uns Gott des Allmächtigen gnädige Hand vor grossem Unglücke, als verheerenden Krankheiten, Bränden, Unwettern und dergl. bewahrt, und wenn es unserem Allergnädigsten Kaiser und Herrn gelingt, das teuerste Pfand des Fortschritts auf allen Gebieten, den Frieden zu erhalten; denn nur da, wo Friede wohnt, kann Wohlfahrt gedeihen. Dies sind die Wünsche die wir dem Geburtstagskinde zum Wiegenfeste entgegenbringen und dass sie alle iu Erfüllung geben. Das walte Gott!
fierr Landrat von Marx sprach der neuen Schule seine besten Wünsche für die Zukunft aus und ließ seine Worte ausklingen in ein Hloch auf S M. den Kaiser und König. Der seit- herige Leiter der Vereinigten Volks- und Realschule, Herr Rektor Koulen dankte zunächst den Lehrern, die ihre Kraft bisher der Realschule gewidmet haben und nahm dann Abschied von den Schülern, der jedoch kein Abschied sei, da er sie noch täglich sehe. Er hoffe, sie, wenn die Trennung erfolgt sei, später in Oberursel oder in anderen Teilen des Vaterlandes als tüchtige deutsche Männer wieder zu sehen.
Sodann betrat der Unterzeichnete das Rednerpult und ergriff das Wort zu folgender Rede:
Hochverehrte Festversammlung; liebe Schüler!
Mein Dank gebührt den Städt. Behörden, die mir das Vertrauen schenkten, aus einer grossen Anzahl von Bewerbern mich auszuwählen, die Geschicke Jhrer Realschule fernerhin zu leiten und sie zu einer berechtigten Realschule und dann zu einer neunklassigen Oberrealschule auszubauen. Meine ganze Hoffnung ist, dass mir die Kraſt vergönnt sein möge, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Ich bin Ihrer Stadt ja kein Fremder, wenn auch bis vor Kurzem nur ganz wenigen bekannt. Ist doch die früheste Erinnerung meiner Kindheit mit Oberursel verknüpft, rufen mir doch die alten Strassen der Stadt manchen fröhlichen Ferien-Aufenthalt wieder zurück, ist mir, dem alten Nassauer, doch stets der herrliche Taunus, dessen höchste Gipfel herübergrüssen, die liebste Gegend unseres schönen Vaterlandes gewesen und der anderen Länder, die ich gesehen habe. Und als ich nach längeren Jahren vor Kurzem zum ersten Male wieder hierherkam, da nahm ich mit Staunen die Entwicklung wahr, die die Stadt genommen hat; man hat gleich beim Rintritt in die Stadt das Gefühl, hier ist ein aufstrebendes, aufblühendes Gemeinwesen. Und berufen zusein, darin zu wirken und zu schaffen, mitzuhelfen


