Jahrgang 
1911
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Anzahl von Schülern für die oberen Klassen vorhanden sei. Von den vorhandenen 4 Klassen wurden nur 3 übernommen; von den Tertianern traten die meisten nach der Ouarta zurück. Als Leiter wurde Oberlehrer Wallenfels ¹*) von der Oberrealschule in Marburg gewählt, als Oberlehrer der Oberlehrer Schreiner ²*) vom Realgymnasium in Neunkirchen und der Kandidat des höheren Schulamts Dr. Messerschmitt?*) vom Realgymnasium i. E. in Dillingen. Am 10. Oktober fand die Feier der Eröffnung der neuen Realschule in einfacher Weise statt, bei der wir die Ehre hatten Herrn Landrat von Marx, die städtischen Behörden, die Lehrer und Lehrerinnen der hiesigen Schulen und viele Damen und kierren aus der Bürgerschaft zu begrüßen. Die Feier wurde er- öffnet mit einem meisterhaft vorgetragenen Chore der Volksschüler. Sodann ergriff Herr Bürger- meister Füller das Wort zu folgender eindrucksvollen Rede:

Hochverehrte Festversammlung!

Ein Tag von ganz besonderer Bedeutung für unsere geliebte Stadt Oberursel ist heute herangekommen, ein Tag der schon seit vielen Jahren von der Bürgerschaft ersehnt wurde und wiederholt in der Nähe erschien, immer aber wieder, obschon fast greifbar, im Nebelmeer der Zeit verschwand. Die Eröffunng einer höheren Knaben- schule, deren Gründung schon über ein Menschenalter projektiert ist, aber durch alle nur erdenklichen Schwierig- keiten stets zur Unmöglichkeit wurde, söll heute endlich erfolgen und ich habe die angenehme Pflicht zu erfüllen, die heutige Geburtstagsfeier einzuleiten. Mit dem Herrn fang Alles an, so erklang der Choral der Kinder, welcher unsere Herzen erhob zu Gott dem Allmächtigen, und so möchte auch ich die Feier damit eröffnen, dass ich Gottes Schutz für den Täufling erflehe, zu dessen Taufakt Sie, hochverehrte Anwesende, erschienen sind. Ihr lebhaftes Interesse für die neue Schule, welche eine Zierde der Stadt Oberursel werden möge, lässt mich das Beste erhoffen, und ich spreche Ihnen dafür und für Ihr Erscheinen meinen aufrichtigen Dank aus, indem ich Sie im Namen der Stadt als Taufpaten herzlich willkommen heisse.

Mit der heutigen Feier beginnt für alle Schulen unserer Stadt ein neues Leben. Aus dem Baum der ver- einigten Volks- und Realschule löst sich ein Reis los und wird als neuer Baum gepflanzt. Die alte nassauische Realschule wird aufgehoben und eine neue Realschule gegründet, die den Anforderungen der modernen Zeit ge- rechter werden kann, als dies im seitherigen beschränkten Masse möglich war. Die Schule soll zunächst die Be- rechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst und später hoffentlich die Reife für die Universität geben. Die langersehnte Gleichstellung der Stadt Oberursel in Bezug auf Schulverhältnisse mit anderen kleineren Städten unserer Provinz ist damit endlich erreicht und dem stetig steigenden Drang nach tieferer Bildung, als sie die Volksschule in ihrem Sjäbrigen Ziel zu geben vermag, Rechnung getragen. Schon einmal glaubte man dieses Ziel erreicht zu haben, als vor mehr als 25 Jahren der alten Realschule eine Obertertia angegliedert wurde, die aber leider nach kurzer Zeit wieder einging. Vielleicht erkannte man schon damals, dass sich eine wirkliche höhere Schule, welche die obrigkeitliche Genehmigung erhalten musste, nur auf dem Wege einer vollständigen Trennung der Volks- und Realschule, also durch Neugründung erreichen liess; jedenfalls aber scheute man die für eine solche Schule erforderlichen Mittel, was bei den damaligen sehr kleinen städtischen Finanzverhältnissen wohl zu verstehen ist.

So fand ich 1897 bei meinem Amtsantritt die Schulverhältnisse und seitdem hat mich der Gedanke, den früher gescheiterten plan, allerdings in anderer Art als damals, zur Ausführung zu bringen, nicht mehr verlassen. Intensiv musste der Boden bearbeitet werden, der die Aussaat aufnehmen sollte, die Stadt musste leistungsfähig gemacht werden, neben einer guten Volksschule und einer höheren Mädchenschule auch eine mit Berechtigung versehene höhere Knabenschule zu unterhalten. Das fortwährende Wachstum der Stadt und ihrer Steuerkraft, die Zunahme des Wohlstandes der Bürgerschaft, hervorgerufen durch bessere Verbindungen, durch die rege Bau- tätigkeit, die Preissteigerung des Grund und Bodens, durch grösseren Absatz, die günstige Lage als erster Vorort der Grossstadt Frankfurt und vieles Andere waren Factoren, welche mich Anfangs des Jahres 1908 bewogen,

¹*) Hermann Wallenfels, geboren am 20. Januar 1871, zu Wiesbaden, evangelisch, besuchte von 1881 1800 das Königliche Gymnasium seiner Vaterstadt; studierte in Leipzig, Berlin und Marburg Geschichte und Neuere Sprachen, bestand 1805 das Staatsexamen in Marburg. Das Seminarjahr leistete er am Gymnasium, das Probejahr am Realgymnasium in Wiesbaden ab, ging dann drei Jahre als Hauslehrer nach England. Ostern 1900 wurde er am Realgymnasium in Dortmund als Oberlehrer angestellt, ging 1002 an die Oberrealschule in Mar- burg, von wo er Herbst 1910 nach Oberursel übersiedelte, um die Leitung der Realschule zu übernehmen.

2*) Johannes Schreiner, geboren zu Oberrod am 25. April 1880, katholisch, studierte an der Uni- versität zu Strabburg i. Els. und an der Akademie zu Caen in Frankreich neuere Philologie und bestand am 26. Mai 1906 die Staatsprüfung für das höhere Lehramt. Während des Seminar- und Probejahres war er an dem Gym- nasium in Fulda, den Oberrealschulen in Schmalkalden und Fulda und an der Realschule in Geisenheim tätig. Am 1. April 1910 wurde er an dem Realgymnasium zu Neunkirchen als Oberlehrer angestellt. Seit 1l. Oktober 1010 wirkt er an der Realschule i. E. zu Oberursel.

²*) Josef Messerschmitt, geboren zu Homburg v. d. Höhe am 23. August 1883, katholisch, be- suchte das Kaiserin-Friedrich-Gymnasium in Homburg und studierte an der Technischen Hochschule in Darmstadt und an den Universitäten in München, Berlin und Bonn Mathematik, Physik, Botanik und Zoologie. Im Juli 1007 wurde er auf Grund der Dissertation:Die Emissionsspektren des Selens von der philosophischen Fakultät der Universität Bonn zum Dr. phil. promoviert. Im November desselben Jahres bestand er das Staatsexamen. Das Seminarjahr leistete er am Königl. Gymnasium zu Bonn, das Probejahr am Gymnasium in Wipperfürth ab. Bis zum Herbst 1910 war er als Hilfslehrer am Realgymnasium i. E. in Dillingen a. d. Saar tätig.