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ein ganzes Volk in dem Grade in würdiger Menſchlichkeit vorangeſchritten, als die Pietät eine allge⸗ mein verbreitete Eigenſchaft deſſelben iſt. Fortſchritte in der Tugend ſind jedoch keineswegs ſtets gleich⸗ bedeutend mit Fortſchritten in der Macht und Cultur eines Volkes. Bei einfachen und wenig gebildeten Völkern des Alterthums und der Gegenwart begegnen wir nicht ſelten dem reinen, ungetrübten Naturge⸗ fühl einer allgemein verbreiteten und innigen Pietät. Die Schritte, welche ein Volk zur Machtfülle, zu Ruhm und Reichthum führen, zertreten vielfach dieſe zarte Pflanze im menſchlichen Gemüthe und es bre⸗ chen dann ſchreckliche Zeiten herein, wo alle Spur der göttlichen Tugend vertilgt erſcheint. Gedenken wir beiſpielsweiſe nur der römiſchen Geſchichte unter den Kaiſern und der franzöſiſchen ſeit Ludwig XIV.
Denn fragen wir, welches ſind die Hinderniſſe der gedeihlichen Entwicklung der Pietät, welches ſind ihre Feinde und Unterdrücker?— ſo lautet die Antwort: die Selbſtſucht in all ihren Formen, wie der Ehrgeiz, die Habſucht, der Hochmuth, der Uebermuth. Dieſe ſind es, welche die Pietät im Ein⸗ zelnen und im Volke erſticken.
Die Selbſtſucht, oder der Egoismus, iſt dem ganzen Weſen nach grade entgegengeſetzt der Pie⸗ tät. Wenn letztere die Perſönlichkeit des Anderen anerkennt und berückſichtigt, ſo denkt ja die Selbſtſucht ſtets nur an das eigne Ich. Sie iſt der Dämon, der ſtets nur das eigne Selbſt im Auge behält, der ſich allein den Vortheil, das Anſehen, die Ehre zuwendet, der alle Verhältniſſe und Ereigniſſe des Lebens nur nach dem eignen zeitlichen Gewinn beurtheilt und behandelt.
Dieſe Selbſtſucht iſt es, welche die gemeine und rohe Denkungsart befördert, die ſich breit macht und in leider nur zu oft gehörten Aeußerungen kund gibt und die doppelt traurig erſcheint, wenn wir ſie ſchon aus dem Munde der Jugend vernehmen.
Werfen wir nur den Blick auf einige größere Erſcheinungen der Geſchichte, auf die Folgen, welche hervortreten, wenn in ganzen Völkern, bei Hoch und Niedrig, die Pietät mehr und mehr geſchwunden iſt. Sehen wir z. B. nach Frankreich, ſo erſcheint dort zuverläſſig ein rückſichtsloſer Ehrgeiz, eine Ueberhebung der Perſönlichkeit, die keinerlei Autorität achtet, als Haupturſache, welche wiederholt zu den gewaltſamſten Umkehrungen der ſtaatlichen Verhältniſſe geführt hat. Unter der Maske der Freiheit be⸗ thört der Egoismus die Menge und endigt damit, ſie der Tyrannei zu überliefern.
In den Republiken Amerika's, die ſo lange als das Ideal freier und ſittlicher Verhältniſſe unſeren gealterten und mit manchen Gebrechen behafteten Zuſtände entgegengehalten worden ſind, hat die neueſte Erfahrung recht ſchlagend gelehrt, wohin ein Volk gelangt, das der Pietät ſo baar und ledig iſt. Schon längſt vor Ausbruch des gegenwärtigen Bürgerkrieges haben denkende Beobachter auf ſchlimme Folgen hin⸗ gewieſen, welche aus dem Charakter des nordamerikaniſchen Volkes ſich ſpäter oder früher entwickeln müßten. Ein uns Deutſchen insbeſondere auffallender Egoismus, der dort in ſeiner niedrigſten Form, als rückſichtsloſe Gewinnſucht, als ſchnöde Geldgier auftritt, hat in unerhörter Weiſe die Regungen der Pietät nach den verſchiedenſten Richtungen beeinträchtigt, ja vielfach ganz erſtickt. Das an ſich achtbare Gefühl der Unabhängigkeit und Selbſtſtändigkeit nimmt häufig ſchon bei Kindern und jungen Leuten Formen an, die uns empörend erſcheinen. Eine ganze Reihe von Verhältniſſen, die hierzulande mit rück⸗ ſichtsvoller Gewohnheit, in Anhänglichkeit und Pietät ſich bilden und bewahren, werden dort faſt nur in geſchäftlicher Weiſe geordnet und behandelt. Die Familie, die Schule, die Gemeinde, der Staat— in Allem wird mehr ein gegenſeitiger Vertrag, ein Geſchäft betrachtet, deſſen Löſung nahe liegt, ſobald es dem Vortheil der Betheiligten entſpricht. Kindlich erſcheint dem geriebenen Amerikaner der ankommende Deutſche mit ſeiner gemüthvollen Auffaſſung jener Verhältniſſe. Eine merkwürdige Umkehrung hat ſich vollzogen. Aus dem alten Europa kommt der Menſch jugendlicher, naiver und treuherziger zu dem be⸗ rechneten, praktiſchen, früh gealterten Menſchen der neuen Welt. 2


