Jahrgang 
1864
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deren geiſtige Nährväter zu betrachten und in der That ſieht der Lehrer als ſchönſte Frucht ſeiner hin⸗ gebenden Thätigkeit im Gemüth des Schülers die Pietät keimen, wachſen und reifen. Sie iſt die echte Sonne des Schullebens, welche die Wärme herleiht zur Entwicklung aller ſchönen Lebenstriebe. Kein Lohn iſt vergleichbar dem Ausdruck der Pietät, dem auf ſpäteren Lebenswegen der Lehrer im Auge ſeines ehemaligen Schülers wieder begegnet. Mir war dieſer Blick ſtets ein Spiegel der Seele des Menſchen. Wohl dem, der freundlich und vertraut dem alten Lehrer in's Auge ſchaut, der nicht verlegen ſchwankt und ſeinem Blick ausweicht. Er hat ſich den ſchönſten Zug des kindlichen Gemüthes bewahrt.

Mit Ehrfurcht gepaart erſcheint die Pietät denjenigen gegenüber, welchen die Verhältniſſe des Staates, der Kirche und der Geſellſchaft eine ausgezeichnete Stellung verleihen. Es ſind dies die Vorgeſetzten bis hinauf zum Fürſten und Herrn des Landes. In ihr wurzelt dann jene Hingebung und Treue, welche den Diener an den Herrn, den Krieger an die Fahne und den Sohn des Vaterlandes an deſſen Fürſten knüpft. Wie viele rührende und erhabene Beiſpiele Deſſen bietet uns nicht die Geſchichte aller Zeiten und aller Völker!

Aber nicht nur nach Oben blickend wird des Menſchen Herz bewegt von Pietät. Das hülfloſe Kind, die unerfahrene Jugend wie nehmen ſie unſere Achtung, unſere Hingebung in regſten An⸗ ſpruch. Gibt es doch kaum in allen Worten, mit welchen der Heiland an unſere Mitmenſchen uns hin⸗ weißt, innigere und ernſtere als die der Mahnung der Pietät gegen das Kind.

Laſſet die Kindlein zu mir kommen ſind dies nicht Worte, die mit rührender Gewalt zum Herzen jedes Menſchen dringen! Und ſpricht er nicht für Denjenigen, der gegen die Jugend ſich vergeht, eine ſtrafende Drohung aus, ſo gewalſam, ſo ſtreng, wie nur ſelten Worte aus ſeinem liebevollen Munde vernommen werden?

Ach zu oft nur nehmen wir wahr, wie vor den Augen und Ohren der Jugend n einer Weiſe gehandelt und geſprochen wird, ohne alle Pietät gegen ihre Gefühle, gegen den wehrloſen, hülfbedürftigen Zuſtand ihres Leibes und ihrer Seele. Anſtatt der beſcheidenen Achtung des Alters, der Erfahrung, der Obrigkeit, der öffentlichen Einrichtungen und überlieferten Sitten und Gebräuche begegnen wir leider nur zu häufig den Beiſpielen anmaßender Frechheit, die überdies noch ihr rückſichtloſes Gebahren gern in die Form eines heiteren Scherzes oder geiſtreichen Witzes kleidet und indem ſie Hohn und Spott austheilt, auf das Gelächter und den Beifall des rohen Haufens rechnet.

Viele Erſcheinungen der Art unterwühlen in gegenwärtiger Zeit in bedenklichſter Weiſe die Pietät ſchon im Gemüthe der Jugend und rufen in Eltern und Erziehern die ernſteſte Mahnung hervor, ihrem Verfall mit Liebe und Nachdruck entgegenzuwirken.

Und gleich wie das Kind, ſo haben alle die der Hülfe bedürfen Anſpruch auf unſere Pietät. Wer wollte des Unglücklichen ſpotten? Wer wollte nicht den Gebrechlichen vergeſſen laſſen, daß die Natur ihn ſtiefmütterlich behandelte? Der edle Sieger begegnet mit großmüthiger Rückſicht dem überwundenen und gefangenen Feinde er ehrt das Unglück⸗

Aber ſelbſt noch den Verſtorbenen bewahren wir die Pietät; wir beſuchen und ſchmücken ihre Ruheſtätte, wir achten die Einrichtungen und Anordnungen, die ſie bei Lebzeiten getroffen hatten, ja, auf die Gegenſtände ihres Gebrauches, ihrer Neigung erſtreckt ſich unſere Aufmerkſamkeit und Theilnahme⸗ Ein Baum, den Voreltern gepflanzt haben, ein Gebäude der grauen Vorzeit, ein von Alters ererbter Ge⸗ brauch für All' dies lebt in uns die Pietät und es wehrt ſich das Gefühl, wenn rückſichtslos und gewaltſam gegen ſolche Ueberlieferungen verfahren wird.

So haben wir die Pietät in jeglicher Richtung ihrer Aeußerung kennen gelernt und geſehen, wie ſie gleich einem zarten Grundton das ganze Weſen und Leben guter Menſchen durchweht.

Und wie die Perſönlichkeit des Einzelnen durch dieſe ſchöne Tugend gehoben wird, ſo erſcheint uns