Jahrgang 
1864
Einzelbild herunterladen

16

gionslehre, mit der chriſtlichen Liebe übereinſtimmt, und wenn wir dieſe Liebe als den rechten Urquell aller Pietät betrachten, ſo bezeichnen wir letztere nur deßhalb nicht als Liebe, weil dieſe noch weitere Nebenbegriffe, insbeſondere den der Gegenſeitigkeit einſchließt. Die Pietät iſt aber vorzüglich die Achtung der menſchlichen Perſönlichkeit in Anderenz allein ſie erſtreckt ſich nicht nur auf Solche, welchen wir, wie den Eltern, Lehrern, Wohlthätern, Freunden u. a. m. Dankbarkeit ſchulden, welche zugleich dieſe Gefühle zu würdigen und zu erwiedern im Stande ſind, ſondern die Pietät ſoll ſich auch erſtrecken auf Unbekannte und Fremde, auf Unglückliche und Elende, auf Kinder und Unmündige. Ja, die Pietät wird geübt ſelbſt gegen Verſtorbene und kann ſich ſogar auf lebloſe Gegenſtände beziehen.

Aber ſo wie alle Gefühle reger ſind und mächtiger ſich hervordrängen, wenn ſie auf Perſonen ſich beziehen, die uns an ſich theuer ſind, mit welchen uns die Bande des Blutes und der Dankbarkeit ver⸗ binden, ſo erſcheint die Pietät in ihren hervorleuchtendſten Beiſpielen als die völlige und gänzliche Hin⸗ gebung der Kinder an die Eltern.

Du ſollſt Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlgehe und du lang lebſt auf Erden⸗

Alſo lautet das Gebot, das Moſes vom Hebran mitbrachte und welches aufgenommen wurde in die Gebote des neuen Bundes.

Mehrfache ſchöne Beiſpiele bewahrt uns die Geiczichte, einer den alten Völkern tiefeingeprägten kindlichen Pietät.

Als einſtmals zu Argos in Griechenlend eine Prieſterin vergeblich der Rinder harrte, welche ſie nach dem entfernten Tempel bringen ſollten zur Vollziehung der Opfer, da ſpannten ihre beiden Söhne Kleopis und Biton ſich vor den Wagen und zogen die Mutter dahin. Mit jubelndem Beifall empfing das verſammelte Volk das herrliche Brüderpaar, das auch ſonſt in den Kampfſpielen ſich ausgezeichnet hatte. Und als die Mutter nachher von den Göttern für die Soͤhne ein glückliches Loos erflehte, ſo ent⸗ ſchlummerten die Jünglinge ſanft im Tempel, um jenſeits in den glücklichen Gefilden der Seeligen wieder zu erwachen.

Ein hervorragendes Beiſpiel kindlicher Pietät zeigt uns die römiſche Geſchichte in Coriolan. Von undankbaren Mitbürgern unwürdig behandelt und verbannt, geht dieſer große Feldherr zu den Vols⸗ kern, ſeinen ehemaligen Feinden; er ſtellt ſich an ihre Spitze und dringt unwiderſtehlich und Alles ver⸗ wüſtend bis vor die unvorbereitete und wehrloſe Stadt Rom. Vergeblich flehen Abgeſandte, Freunde, ja der ganze Senat um Schonung. Coriolan bleibt unerbittlich, er hat Rom den Untergang geſchworen⸗ Siehe, da nahet ſeinem Lager ein langer Zug in Trauergewändern; es ſind die edlen Frauen Roms, an ihrer Spitze, Volumnia, die Mutter des ſchwer Gekränkten, mit deſſen Gattin und kleinem Sohne. Unvergleichlich iſt die Scene, in welcher uns Shakespeare in ſeinem dramatiſchen Meiſterwerke die Allgewalt der Pietät darſtellt; ſie bildet den Mittel⸗ und Glanzpunkt des großartigen Gedichtes. Mit tiefer Bewegung folgen wir den erſchütternden Worten der Mutter; wir fühlen, wie in des harten Man⸗ nes Bruſt das Eis ſchmilzt, der Fels erweicht, wie er nachgibt, wiewohl im ſichern Vorgefühl, daß er ſich ſelbſt hierdurch ein tragiſches Ende bereitet.

Nächſt den Eltern iſt es das ehrwürdige Alter, dem der Zoll unſerer Pietät gebührt. Auch hierfür entnehmen wir der alten Geſchichte ein bezeichnendes Beiſpiel.

Spartaniſche Jünglinge, die mit einer Geſandtſchaft nach Athen gekommen waren, beſuchten daſelbſt die öffentlichen Spiele und hatten bereits ihre Sitze eingenommen, als ſie bemerkten, daß mehrere Greiſe keine Plätze fanden. Da erhoben ſich die Jünglinge, ihre Plätze den Alten überlaſſend. Beſchämt riefen die Athener aus:Wir Athener wiſſen zwar, was ſich ziemt aber die Spartaner thun es!

Wenn wir aber in den Eltern die leiblichen Nährer der Tugend erblicken, ſo ſind die Lehrer als